Stammtische stehen im Ruf einer ganz besonderen Aura. Hier ist, um es mit bundesdeutschem Einschlag zu sagen, Klartext-Land. Das bezieht sich auf das Wetter wie auf die Politik und alles, was dazwischen liegt. Wer wissen will, woher am flachen Land und in den engen Tälern meinungstechnisch der Wind weht, muss sich sonntags nach der Kirche in einem Wirtshaus an einen Stammtisch setzen. Wer will, kann auch schon vorher kommen, die Kirche verliert auch am Land ihre Bindungskraft, weshalb beim Wirt’n schon Stimmung ist, wenn der Pfarrer noch die Predigt hält.

Strengen wissenschaftlichen Kriterien der Repräsentativität hält das Stammtisch-Orakel natürlich nicht stand. Das beginnt schon gendertechnisch mit der krassen Unterrepräsentanz des weiblichen Geschlechts. Am Sonntagvormittag ist für Frauen das Wirtshaus tabu; nicht, dass sie nicht dürften, angeblich wollen sie von sich aus schon nicht. Auch altersmäßig weist die gemütliche Runde Schlagseite zugunsten der 50plus-Generation auf. Und schließlich fehlen Österreicher mit sogenanntem Migrationshintergrund fast völlig. Ungeachtet, wahrscheinlich sogar wegen all dieser Verzerrungen ist es nicht uninteressant, wie diese Stimmungsbarometer knapp vor den Nationalratswahlen steigen oder fallen. Am vergangenen Sonntag etwa machte sich ein Stammtisch im nördlichen Weinviertel unweit der tschechischen Grenze auf, per Wette das Wahlergebnis für den 29. September zu erraten. Wir reden von einer tiefschwarzen Region, ÖVP-Kernland also. Dies im Hinterkopf habend, fallen die Erwartungshaltungen umso überraschender aus.

Am Sieg der SPÖ jedenfalls wird an diesem Wirtshaustisch in Pröll-Country nicht gezweifelt, zwischen 26 und 28 Prozent werden Werner Faymann prognostiziert. Freuen, das sei auch dazugesagt, tut sich darüber allerdings keiner. Die ÖVP wird zwischen 21 und 26 Prozent gewogen - und für dieses Umfeld deutlich für zu leicht befunden. Der Wahlkampf Michael Spindeleggers findet dabei wenig Gnade - und das tut den meisten im Herzen weh.

Erstaunlich ist die Einschätzung für FPÖ und Grüne. Wenn man weiß, dass unter g’standenen Bauern die Ökopartei einen, nun ja, zweifelhaften Ruf genießt und man dann noch die hier höchst aufmerksam verfolgte Berichterstattung zur Wiener Mariahilfer Straße einkalkuliert, dann muss man die Bewertung der Grünen zwischen 12 und 18 Prozent für geradezu sensationell erachten. Tatsächlich läge die Truppe von Eva Glawischnig damit sogar, knapp, aber doch, vor den Freiheitlichen, die somit lediglich auf Platz vier kämen. Grün vor Blau, und das in einer erzschwarzen Umgebung, findet man auch nicht alle Tage.

Frank Stronach hat in diesen Kreisen dagegen seinen Glanz verloren, keiner der Stammtisch’ler schätzt ihn zweistellig. Umso mehr hätte dagegen das BZÖ zu feiern: Die Orangen würden demnach haarscharf die 4-Prozent-Hürde überspringen (dieses Votum könnte allerdings auch mit dem Wirt zu tun haben . . .). Die Neos müssten weiter zittern, das lässt sich allerdings auch schon fast wieder als Erfolg verkaufen.