Einen Moment lang verfalle ich ins Berlinerische, weil ich glaube, mir laust der Affe - da erklärt mir ein Plakat der ÖBB: "Ich geh über die Gleise, das ist kürzer." Also, man kann. . . ? Man soll vielleicht gar. . . ?

Nein, es ist eine Negativ-Botschaft. Gemeint ist also just das Gegenteil. Drunter, viel kleiner, steht denn auch: "Nimm keine Abkürzungen über Bahngeleise. Du riskierst Strafe oder sogar dein Leben." Glänzend! Was man nicht machen soll, wird affirmativ großgeschrieben, was die unliebsamen Folgen davon sind, klein darunter. So gehört sich das. Lernt ja auch jeder Werbefachmann: Die wichtige Botschaft im Klein(er)gedruckten verstecken.

Aber das ist noch nicht alles: Im rechten unteren Eck ist das Bild eines Kindes zu sehen, das angeblich durch falsches Verhalten ums Leben kam. Angeblich, weil das abgebildete Kind ein Plakatmotiv ist und sich glücklicherweise eines frohen und gesunden Lebens erfreut. Womit das Plakat aber, rein moralisch gesehen, zur Lüge wird: Es wird der Tod eines Kindes behauptet, das nicht tot ist.

Was Eltern auf die Idee bringt zuzustimmen, ihr lebendes Kind öffentlich für tot erklären zu lassen, ist ein hoffentlich sehr angemessener Geldbetrag. Anders gesagt: Haben Sie ihnen wirklich nahestehende Menschen, also Eltern oder Kinder, die Sie öffentlich, entgegen der Wahrheit, für tot erklären ließen? Oder bin ich mit meinem Nein ein irrer Sonderfall. . . ?

Abgesehen davon halte ich es für schlicht pervers, für Inhalte, und seien sie noch so wichtig, kost- und vertretbar, mit dem Tod eines Menschen zu werben.