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Wie störrische Lianen durch einen wilden Dschungel schlängeln sich die schmalen Gässchen durch die Altstadt der 1,3-Millionen-Metropole. Das für die Prager Innenstadt charakteristische Kopfsteinpflaster macht  Gehen auf schicken Pumps zum Drahtseilakt, weshalb kaum Frauen auf hohen Absätzen zu sehen sind. Bequemes Schuhwerk und knallbunte Senkers, wohin das Auge reicht. An den Sohlen der Touristen, wie auch der Prager und Pragerinnen. Letztere bekommt man, so das Gefühl während eines Wochenendtrips in der "goldenen Stadt", kaum zu Gesicht. Lediglich im Gastgewerbe und in den öffentlichen Verkehrsmitteln sind sie zu entdecken.

"Diese Stadt ist nicht für Ausländer gemacht"


"Diese Stadt ist sehr kompliziert, sie ist nicht für Ausländer gemacht", sagt ein dicker Herr bei der Straßenbahnstation im Zentrum fast mitleidig zu uns und meint die unzähligen Besucher, die sich zwischen Karlsbrücke und Kafkas Geburtshaus tummeln. Diesen Herbst sei es aufgrund von Umbauarbeiten in der Stadt noch komplizierter, sich zurechtzufinden, da Busse und Bims immer wieder ausfallen. Informationstafeln sucht man vergeblich.

Eine solche Aussage ist insofern grotesk, als Prags Tourismusbranche jährlich Rekorde verzeichnet. So auch im vergangenen Jahr mit über fünf Millionen Besuchern und mehr als 13 Millionen Nächtigungen. Die Umsätze in der Hotelbranche sind im ersten Halbjahr 2012 um sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum angestiegen.

Die Finanzkrise scheint das Übernachtungsgewerbe weitgehend zu verschonen, sie wirkt sich allerdings auf Gaststätten und Restaurants aus. Die Gastro-Branche verbüßte im ersten Halbjahr 2012 gegenüber dem Vorjahreszeitraum einen Umsatzrückgang von 4,7 Prozent. Die Geldbörse bei den Touristen sitzt nicht mehr so locker wie früher. Und, so der subjektive Eindruck, sie wollen für mürrische Bedienung und lieblos serviertes Essen nicht mehr bezahlen.

Auch die Bettenanzahl ist unverhältnismäßig verteilt. "Jedes zehnte Bett in Prag ist ein Touristenbett. Ein solches Verhältnis gibt es in keiner Metropole der EU", sagte Pavel Hlinka, der damalige Präsident der Assoziation der Hotel- und Restaurantbetriebe, schon im Jahr 2008. Wie sieht es fünf Jahre später aus? Während Wien 55.000 Hotelbetten zu bieten hat, sind es in Prag offiziellen Angaben zufolge etwa 80.000. Hlinka schätzte schon 2008 die Gesamtzahl auf 120.000. Obwohl seit geraumer Zeit von einer Überkapazität die Rede ist, wird aber weiterhin ein Hotel nach dem anderem aus dem Boden gestampft.

Auf den Besucherzustrom reagieren auch andere Dienstleistungsbranchen. Auffällig sind die vielen hauptsächlich in den inneren Bezirken verstreuten Fußmassage-Salons. Die Marktlücke wurde größtenteils von asiatischen Zuwanderern erschlossen und verdankt ihren Zulauf wohl auch dem Kopfsteinpflaster, das den Füßen deutlich mehr zu schaffen machen als Asphalt.

Vaclav Havel "warnte" vor zu starkem Tourismus


Es mag eine subjektive Wahrnehmung sein, dass Prag regelrecht von Touristen verschluckt wird. Der frühere tschechische Präsident Vaclav Havel sah es allerdings ähnlich: "Ich glaube, wenn es so weitergeht, werden die Touristen aufhören, in unsere Stadt zu fahren. Sie wollen nämlich eine lebendige Stadt sehen, wo Einheimische wohnen, arbeiten, einkaufen, feiern, in den Kneipen sitzen. Ich habe nicht beobachtet, dass die Touristen Reisen in der Welt unternehmen, damit sie die anderen Touristen treffen."

Aber gibt es "zuviel Tourismus" und welche Lösungen gibt es? In welche Richtung sich die Tourismusbranche weiterentwickelt, ist unklar. Der italienische Geschäftsführer eines Prager Innenstadt-Hotels empfindet immer mehr Stress: "Die Stadt platzt aus allen Nähten, die Konkurrenz und der Neid in der Branche sind enorm."