Es war schon ein bisschen ein Schock. Nach so vielen Jahren war ein Sieg beim Song Contest ungefähr so wahrscheinlich wie eine Geschlechtsumwandlung von Dagmar Koller.

Nach 48 Jahren gewann also Österreich in Form der bärtigen Drag Queen Conchita Wurst Samstag Nacht den Song Contest. Noch dazu überwältigend: mit dem viertbesten Ergebnis in der Geschichte des Wettbewerbs. Nicht wenige (insgesamt hatte der ORF bei der Entscheidung nach Mitternacht einen Marktanteil von fetten 73 Prozent) saßen da ungläubig vor dem Fernseher und beteuerten ergriffen: "Nein, dass ich das noch erleben darf!"

Und für so manchen im oberen ORF-Management war der Schock wohl nicht einmal so klein. Dabei musste man beim ORF gewusst haben, was man da anstrebt. Denn der PR-Schachzug der Wurst war nicht weniger als perfekt. Es zeigte sich bereits zwei, drei Wochen vor der Veranstaltung, als einige renommierte britische Zeitungen über sie zu berichten begannen. Die Aufmerksamkeit – kein Wunder, mit einem exzentrischen Aussehen wie ihrem – war also da. Dass das allein nicht reicht, weiß man aber schon, man denke nur an die unglücklichen Popschwackler.

Auch Nadine Beiler war mit einer ähnlich monumentalen Ballade in die Favoritenrolle gerutscht – allein, ihr fehlte nicht nur die Gesichtsbehaarung, sondern das, wie es in Castingshows immer heißt: "Gesamtpaket".Diese Bombastballade "Rise like a Phoenix" , die Daniel Craig wahrscheinlich auch schon auf dem Bond-iPod hat, weil sie klingt, als hätte sich Shirley Bassey mal eben einen Bart aufgemalt.

Wursts Botschaft der Toleranz, die Dramatik ihres Auftritts, ja sogar der Bart im Gesicht: das waren alles Zugeständnisse, nein das war maßgeschneidert für das wichtigste und größte Zielpublikum des Song Contests: die schwul-lesbische Community. Das ist nicht "passiert", da steckte ein gefinkelter Masterplan dahinter. Und am Samstag geschah das für langjährige Song Contest-Beobachter Unglaubliche: Es funktionierte.

Ja, das wird teuer. Na und. So viel kostet es eben, eine verwundete Song Contest-Seele zu heilen. Es ist dann eh wieder fast 50 Jahre eine Ruh.