Wer gegen ihn spielt, weiß, dass ihn 90 harte und wahrscheinlich nicht schmerzfreie Minuten erwarten werden. Nicht weil Tim Cahill unfair oder schmutzig agieren würde. Nur ist der Australier ein Stürmer, der keinem Pressball, keinem Zweikampf, und mag er noch so aussichtslos sein, aus dem Weg geht, der sich mit voller Wucht in jedes Kopfballduell wirft.

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Beim Auftaktspiel der Australier gegen Chile köpfte Cahill ein Tor, doch sein Team verlor mit 1:3. Die großteils sehr junge Mannschaft war gegen die hochbegabten Chilenen spielerisch zu unterlegen. Doch auch nach einem frühen 0:2-Rückstand fielen die Socceroos nicht auseinander, sondern kämpften sich zurück in die Partie. Die Teamspieler beschwören in Gesprächen mit den Medien selbst gerne, was sie auszeichnet - "the Aussie fighting spirit". Und wer sah, wie der schon 34-jährige Cahill in Cuiabá bei knapp 30 Grad Celsius unermüdlich gegen die Chilenen anlief, der weiß, was damit gemeint ist.

Sich ohne Rücksicht auf Verluste in Bälle zu werfen, das zeichnet die Australier schon lange aus. Und auch andere Teams pflegen einen gewissen Stil. Der 2:1-Sieg der Italiener gegen England hätte italienischer kaum sein können. Ein einziges Mal ließen die Engländer den Azzurri in der zweiten Hälfte zu viel Platz und machten die Flanke auf, schon stand es 2:1. In der ersten Halbzeit waren die Italiener zwar zeitweise in Bedrängnis geraten, doch nach dem 2:1 ließen sie nur noch eine Gelegenheit des Gegners, durch Wayne Rooney, zu. Sie waren defensiv wieder einmal bestens organisiert und offensiv kaltschnäuzig. Kritiker der Azzurri halten diese ja deshalb für die größten Zyniker des Fußballs, weil immer wieder aufopfernd kämpfende Teams - in diesem Fall England - an der italienischen Effizienz zerschellen.

Doch auch wenn Mannschaften einen gewissen Charakter besitzen mögen, so werden sie sich in ihrer Spielanlage immer ähnlicher. Jedes Team achtet darauf, gewisse Grundelemente des modernen Fußballs in seinem Repertoire zu haben. Vorbei sind die Zeiten, als kolumbianische Verteidiger (und Torhüter) trotz höchster Bedrängnis Haken schlugen und ihre deutschen Pendants vorrangig ausputzten - jedes Team will heute Verteidiger haben, die zwar ein Spiel eröffnen, dabei aber auch das Risiko abschätzen können. Vorbei sind die Zeiten, als mittelamerikanische Teams zwar technisch hochveranlagt waren, aber allzu oft zu weit weg vom Gegner standen - jeder deckt heute eng. Vorbei sind die Zeiten, als britische Teams vor allem Kick & Rush spielten. Mit ihren vielen flachen Bällen spielten die Engländer so, wie es mittlerweile auch die meisten Teams der Premier League mit ihren vielen ausländischen Trainern und vielen Legionären praktizieren.

Manche Nostalgiker jammern deshalb, dass der Fußball immer mehr zum Einheitsbrei wird. Da mag was dran sein. Andererseits bedeutet das nicht weniger Attraktivität, wenn die WM so weitergeht, wie es einige der ersten Spiele versprechen. Es gab viele Tore und viele schöne Spielzüge. Denn auch das gehört zum modernen Fußball: Nachdem die Abwehrreihen immer besser organisiert sind, achtet jedes einzelne Team darauf, kreative Spielzüge zu entwickeln, um des Gegners Defensive zu überwinden.