Das Gebäude trägt ein blitzblaues Dach und stellt eine Kirche dar. Oder möchte dies zumindest nachahmen. Aber der riesige graufarbige Klotz, der in einem Vorort der armenischen Hauptstadt Eriwan steht, ist ein Restaurant. Gleich daneben erhebt sich ein weiteres, nicht minder protziges. Das wiederum nennt sich Villa und hat die Formen eines Palastes auserkoren. In den Sälen wollen wohl Goldverzierungen, Kolumnen und stoffüberzogene Sessel jene barocke Pracht vermitteln, die für manche die Grenze zum Kitsch längst überschritten hat. Doch das kann Vardan bloß vermuten. Wie es im Inneren aussieht, weiß er nämlich nicht. "Leute wie ich können in solche Restaurants nicht rein", sagt der Mittfünfziger, als er an den Gastronomiestätten vorbeifährt. An wen richten sich denn diese Lokale: an reiche Armenier, reiche Russen? An alle, dessen Geschmack sie treffen - und die das Geld dafür haben.

Das kann der Fahrer Vardan, der für ein Reise- und Transportunternehmen arbeitet, nicht von sich behaupten. Immerhin hat er aber einen Job und muss nicht - wie so viele seiner Landsleute - einen im Ausland suchen. Früher hatte er einen besseren, "der war mit dem jetzigen nicht zu vergleichen". Er war für eine internationale Organisation tätig, als Fahrer aber auch als lokaler Berater. Dort habe er sich selbst Englisch beigebracht, erzählt Vardan. "Die Mitarbeiter haben immer am Walkie-Talkie miteinander gesprochen. Ich habe ihnen zugehört und gelernt." Doch dann hat die Organisation Personal abgebaut; der gebürtige Eriwaner musste sich etwas anderes suchen.

Nicht jeder hat dabei Erfolg. Jeder zehnte Armenier ist ohne Job, Schätzungen zufolge sind gar 20 Prozent arbeitslos. Die Wirtschaft soll heuer zwar um mehr als vier Prozent wachsen, aber das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt nicht einmal ein Zehntel jenes von Österreich. Ein geschätztes Drittel der Menschen lebt an und unterhalb der Armutsgrenze. Den Kontrast zum sichtbaren Wohlstand mancher in der Hauptstadt bilden halb leere Dörfer, in denen Frauen und Kinder geblieben sind, denen die Männer Geld, vor allem aus Russland, schicken.

Die Situation habe sich in den letzten Jahren kaum gebessert, erklärt Vardan und stimmt das ewige Klagelied der Bevölkerung an: "Für die Politiker ist es vielleicht besser geworden. Sie wechseln die Stühle und Posten. Aber für uns ändert sich nichts."

Weggehen wollte Vardan dennoch nicht. Und das wünscht er auch seinen Söhnen nicht. Beide sind schon lange erwachsen, beide haben einen Universitätsabschluss - doch keiner von ihnen konnte nach seinem Studium einen entsprechenden Job finden. Der eine arbeitet nun ebenfalls als Fahrer, der andere bei Filmproduktionen mit, allerdings lediglich zehn Tage im Monat. Für eine eigene Wohnung reicht das Geld nicht. So müssen sich mittlerweile drei Familien einen Platz teilen. "Meine Söhne, meine Schwiegertöchter, meine zwei Enkelinnen", zählt Vardan auf: "Wir wohnen alle zusammen; dabei ist unser Apartment nicht besonders groß." Doch auch im Ausland würden seine Söhne wohl keine besseren Jobs finden. Dann sollen sie lieber hier bleiben. Es können ja nicht alle weggehen.