Die offizielle Eröffnung des Hauptbahnhofs am Freitag ging nicht - wie man vielleicht erwarten würde - mit der Wiederaufnahme der Bahnverbindungen und einem Fahrplanwechsel einher. Dieser muss noch bis Mitte Dezember warten. Stattdessen wurden das Einkaufszentrum und die katholische Kapelle des Bahnhofs eröffnet und in den Mittelpunkt gestellt. Der Bahnhof soll also zuallererst als Konsumzone vermarktet werden.

Bernd Vasari - © WZ
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Man führt damit den Weg fort, der mit der Bahnhofcity beim Westbahnhof und The Mall in Landstraße begonnen wurde: Der Reisende - vor allem jener, der auf den Anschlusszug wartet - soll im Bahnhof gehalten werden und seinen Konsumbedarf an Ort und Stelle abdecken. Dabei gibt es beim Hauptbahnhof mit der Favoritenstraße eine lebendige, vielfältige und urbane Einkaufsstraße, auf der man entlang flanieren und ein Stück Wien sehen könnte, anstatt sich von Kaufhausmusik bedudeln zu lassen. Die Anordnung des Bahnhof-Zugangs mitsamt den davor neu erbauten Gebäuden lässt allerdings den Verdacht zu, dass die Favoritenstraße, die um eine Straße versetzt zum Zugang verläuft, besser versteckt werden soll. Schließlich, so scheint es, könnte die Straße ja Kunden wegnehmen.

Ein gutes Geschäft soll der neue Hauptbahnhof anscheinend auch für die katholische Kirche sein, die einen eigenen 100 Quadratmeter großen Raum als Kapelle betreiben wird. Inszeniert wurde die Eröffnung des Gebetraums mit der Segnung des Bahnhofs durch den Weihbischof der Erzdiözese Wien, Franz Scharl, in Beisein etwa von Bundespräsident Heinz Fischer und Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ). Beim Fahrplanwechsel im Dezember wird die Kirche in der Person von Kardinal Christoph Schönborn nochmals anwesend sein.

Warum im Hauptbahnhof ein Religionsraum und nicht einfach ein konsumfreier Ruheraum ohne ideologischen Hintergrund geschaffen wird, ist ebenso fragwürdig wie, warum diesen Raum nur die katholische Kirche bekommt. Vonseiten der ÖBB will man sich dazu auf Nachfrage der "Wiener Zeitung" nicht äußern. Die Erzdiözese gibt hingegen Auskunft: Der Raum sei auch für andere Religions-Gemeinschaften zugänglich, heißt es.

Allerdings gibt es noch vor Eröffnung bereits einen Veranstaltungskalender mit fast täglichen Programmpunkten bis Jahresende. Und auf die Frage, ob man sich etwa auch muslimische Gottesdienste in der Kapelle vorstellen könnte, heißt es kryptisch: "Wir behalten uns vor, was gemacht werden wird. Ausgeschlossen ist es aber nicht."