"Am Grabn zu Mittag, da is ana gelegen, mit Packpapier zudeckt, nur die Schuh warn zum Sehen. Zuerst gibt’s da an Riss, dann geht man vorbei. Am besten net hinschaun - aha, Polizei. Man geht dran vorbei."

Traurig , aber wahr. Was Kurt Sowinetz bereits 1972 über die Wiener Seele gesungen hat, scheint auch noch 2015 zu gelten: Fünf Stunden liegt ein Mann nach einem Herzinfarkt in einem Aufzug bei der U-Bahn-Station Volkstheater auf dem Boden und die Leute steigen über ihn drüber. Keiner hilft, betätigt den Notruf beim Aufzug oder holt Hilfe. Der in der Station öffentlich zugängliche Defibrillator bleibt unberührt.

Von fehlender Zivilcourage braucht man hier eigentlich gar nicht sprechen. Denn es war keine gefährliche Situation für die Passanten, die besondere Courage erfordert hätte. Keiner musste sich in einen Streit einmischen, um zu helfen. Keiner musste einen Dieb aufhalten, der zuvor die Handtasche einer alten Dame gestohlen hat. Es lag nur ein Mann hilflos auf dem Boden: Zu fragen, ob alles in Ordnung ist, wäre einfach nur menschlich gewesen - denn es war ein Mensch, der dringend Hilfe benötigt hätte.

Dass der Wiener-Linien-Mitarbeiter ihren Kontrollgang "gespritzt" haben, ist fahrlässig. Aber über einen sterbenden Menschen zu steigen, damit man mit dem Lift fahren kann, ist ein Verbrechen. Sowohl aus menschlicher als auch aus juristischer Sicht.