Thomas Schmidinger ist Politikwissenschafter an der Universität Wien und Mitbegründer des in der Dschihadismusprävention und Deradikalisierung tätigen Vereins "Netzwerk Sozialer Zusammenhalt".
Thomas Schmidinger ist Politikwissenschafter an der Universität Wien und Mitbegründer des in der Dschihadismusprävention und Deradikalisierung tätigen Vereins "Netzwerk Sozialer Zusammenhalt".

Vor einem Jahr begann der Genozid an den Jesiden, Assyrern, Shabak und anderen Minderheiten im Irak. Bis heute müssen die Überlebenden unter schrecklichen Bedingungen in Zelten und Rohbauten hausen. Am 3. August 2014 eroberte der IS die mehrheitlich von Jesiden bewohnte Stadt Sinjar (kurdisch Shingal), nachdem sich die Peshmerga der Regionalregierung Kurdistans überraschend zurückgezogen und die Bevölkerung schutzlos zurückgelassen hatten. Zehntausende flüchteten in die Berge über der Stadt und versuchten sich dort mit wenigen zurückgelassenen Waffen gegen die IS-Milizen zu verteidigen, denen aber auch Tausende in die Hände fielen. In einigen Dörfern, insbesondere in Kojo südlich von Sinjar, gab es Massaker an der männlichen Bevölkerung. Tausende Frauen und Mädchen wurden verschleppt und auf IS-Sklavenmärkten verkauft. Viele sind bis heute in der Gewalt der Dschihadisten und werden brutalst ausgebeutet und vergewaltigt. Der IS argumentiert die Wiedereinführung der längst abgeschafften Sklaverei mit der Sklaverei in der klassischen Periode des Islam.

Erst Kämpferinnen und Kämpfer der syrisch-kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG und YPJ konnten von Syrien einen Korridor freikämpfen und die schutzlosen Zivilisten auf dem Berg befreien. Zwar eroberten die Kurden gemeinsam mit jesidischen Einheiten 2015 einen Teil des Gebietes zurück. Sinjar und die südlich davon gelegenen Regionen befinden sich aber immer noch in der Gewalt des IS. An eine Rückkehr der in Flüchtlingslagern in Irakisch-Kurdistan, Syrien und der Türkei ausharrenden Vertriebenen ist bis heute nicht zu denken. Viele Häuser sind vermint, und niemand wagt es, sich wieder in unmittelbarer Nachbarschaft der Mörder niederzulassen.

Bereits in den Wochen zuvor waren tausende schiitische Turkmenen aus Tal Afar vom IS und den dortigen sunnitischen Turkmenen vertrieben worden. Viele fanden Zuflucht in der Region Kurdistan oder im schiitisch dominierten Süden des Irak. Schließlich zogen sich am 6. August die kurdischen Peshmerga nach Angriffen des IS auch aus der mehrheitlich von aramäischsprachigen Christen (Assyrern), Shabak und Kakai bewohnten Ninive-Ebene zurück, gaben aber im Gegensatz zu den Jesiden der Bevölkerung genügend Schutz, um sich noch erfolgreich in die Autonomieregion Kurdistan zurückzuziehen.

Heute leben 1,5 Millionen intern Vertriebene aus der Sinjar-Region, der Ninive-Ebene und Tal Afar allein in der etwas mehr als 3 Millionen Einwohner zählenden Autonomieregion Kurdistan. Die Überlebenden des Genozids harren in Zelten und Rohbauten unter teils schrecklichen hygienischen Bedingungen aus - ohne jede Zukunftsperspektive.

Europa ist lediglich damit beschäftigt alles daranzusetzen, die Überlebenden nur ja vor Versuchen fernzuhalten, nach Europa zu fliehen. Während der Nato-Staat Türkei die kurdischen Feinde des IS bombardiert, sieht die EU weiter zu, wie sich der IS in Syrien und im Irak verfestigt. Gegen die Beteiligung junger Europäer am vermeintlichen Dschihad beschränken wir uns mit einigen sozialarbeiterischen Alibimaßnahmen und geben uns der Illusion hin, dies wäre alles weit, weit weg. Die Illusion wird noch auf sehr schmerzhafte Weise zerplatzen.