Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".
Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Der Pate der russischen Militärintervention in Syrien ist Jewgenij Primakow, Ex-Premierminister, Geheimdienstchef und jahrzehntelang Russlands führender Arabist. Präsident Wladimir Putin machte beim Begräbnis Primakows vor vier Monaten diese Andeutung. Putin geht mit einer Entschlossenheit vor, die Primakow geschätzt hätte, aber auch als riskant eingestuft.

Das Entsenden von Kampfflugzeugen, Truppen und Panzern nach Syrien stellt eine der kühnsten russischen Militäraktionen seit 1945 dar. Putin hat begonnen, Primakows Traum vom Einfluss Russlands in der arabischen Welt wiederherzustellen, muss dafür aber die Last, den muslimischen Extremismus zu bekämpfen, auf sich nehmen - also das, was die USA so ausgelaugt hat.

Primakow verkörperte die Vorstellung vom Weiterbestehen der russischen Macht nach dem Zerfall der Sowjetunion und dass Moskau auf Dauer kein Juniorpartner der USA ist. 1999 kehrte Primakow auf dem Flug in die USA um, nachdem er erfahren hatte, dass bald die Nato im Kosovo militärisch intervenieren würde, gegen Russlands Wunsch. "Primakow Looping" nennen die Russen den Kurswechsel mitten über dem Atlantik. Die Botschaft war, dass Russland zu schwach sein mag, militärische Aktionen der USA zu stoppen, aber es würde sich nicht bescheiden dem Diktat der USA fügen.

"Iswestija" veröffentlichte im Juli eine Lobrede auf Primakow, die seine Rolle hervorhebt, Russlands Unabhängigkeit und Würde in Tagen nationaler Hoffnungslosigkeit behauptet zu haben: "Ihm ist es gelungen, Russlands erniedrigendes Abgleiten zu einem Konkursstaat aufzuhalten, unsere Außenpolitik zu reformieren und Ehre und Anstand wiederherzustellen."

Primakows Spezialgebiet war die arabische Welt. Putin hat sich entschlossen, Russlands Einfluss in Syrien zu verteidigen, wie Primakow ihm wahrscheinlich geraten hätte. Die russische Intervention in Syrien ist schon seit Monaten im Gange, in Zeitlupe, auch wenn US-Analysten ihr militärisches Ausmaß und die Konsequenzen nicht wahrgenommen haben.

US-Präsident Barack Obama und US-Außenminister John Kerry begrüßten nach der hilfreichen Rolle, die Moskau bei den Atomgesprächen mit dem Iran gespielt hatte, das größere diplomatische Engagement Russlands in der Region. Offensichtlich sind sie nicht davon ausgegangen, dass Russland den Bashar al-Assad - als Vorspiel aller Diplomatie - auf dem Schlachtfeld unterstützen würde. Dabei waren Putins Absichten ziemlich eindeutig, auch bei seiner Rede vor der UNO am 28. September. Wenn Russland wirklich dem "Islamischen Staat" gegenüber der Vollstrecker sein möchte, könnte das eine grundlegende Veränderung der Machtverhältnisse im Nahen Osten bedeuten, mit Russland als neue Schutzmacht nicht nur für Assad, sondern auch für ein Europa, das Angst vor dem Terrorismus hat und vor Flüchtlingen und sich Sorgen um die Energievorräte macht. Primakow träumte davon, die Macht Russlands wiederzubeleben. Putin verwirklicht das. Und das ist sowohl für Russland als auch für die USA eine Wende voller Gefahren, die das Kräftegleichgewicht in der Region und darüber hinaus verändern könnte.

Übersetzung: Hilde Weiss