Benjamin Lucas steht an vorderster Front bei den Protesten gegen die französische Regierung. Die plant nämlich eine tiefgreifende Arbeitsmarktreform: Die 35-Stunden-Woche soll gelockert und Kündigungen sollen erleichtert werden; außerdem will man eine Obergrenze für Abfindungen bei sogenannten ungerechtfertigten Entlassungen einführen. Ein wenig überraschen mag dabei vielleicht, dass es ausgerechnet die sozialistische Regierung unter Präsident François Hollande ist, die die Sozialstandards lockern will. Sehr überraschend ist freilich der Einsatz von Benjamin Lucas. Denn der 25-Jährige, der einer der Rädelsführer der Proteste ist, ist nicht etwa ein Oppositioneller. Er ist niemand geringerer als der frischgebackene Chef der Sozialistischen Jugend. Und das sieht man nicht alle Tage, dass ein Jungpolitiker gegen seine Mutterpartei vorgeht. Doch der Arbeitskampf ist eines der großen Anliegen des Jusstudenten, das Thema, das ihn auch seinerzeit politisiert hat. Im Alter von 15 Jahren ging er in seiner Heimatstadt Amiens auf die Barrikaden, erzählte er der Zeitung "Libération". Er versperrte den Zugang zu seinem Gymnasium, um gegen ein neues Arbeitsgesetz zu protestieren. Die damalige konservative Regierung wollte im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit durchsetzen, dass unter 26-Jährige während der ersten zwei Jahre ihres Arbeitsverhältnisses ohne Angabe von Gründen und ohne Vorwarnung entlassen werden dürfen. Die Proteste damals waren von Erfolg gekrönt. Nur zwei Monate nach seinem Inkrafttreten wurde das Gesetz wieder zurückgenommen. Diesmal will es Lucas gar nicht erst so weit kommen lassen, dass das Gesetz ratifiziert wird. "Lasst uns dieses Projekt zurückziehen!", forderte er im Sender France Info. "Dieses Gesetz geht davon aus, dass das Arbeitsrecht eine Bremse für Anstellungen ist. Dem kann ich nicht zustimmen. Niemand, der links ist, kann mit so etwas einverstanden sein." Dabei schmerzt es den jungen Mann, der sich den Ideen von Präsident Hollande eigentlich nahe fühlt, gegen eine Idee seiner Gesinnungsgenossen vorzugehen, wie er erklärt. Allerdings liegt auch genau darin sein Problem: "Wie können wir glaubwürdig sein, wenn wir - einmal an der Macht - genau das machen, was wir bekämpft haben, als wir noch in der Opposition waren?" Die jungen Sozialisten folgten seinem Ruf nach Protest, den angeblich auch so mancher alter Sozialist in Amt und Würden mit einem anerkennenden Lächeln vernahm. Studenten, Schüler und Gewerkschaften, sie alle demonstrierten am Mittwoch in ganz Frankreich zu hunderttausenden gegen die geplante Arbeitsmarktreform. Die Behörden sprachen landesweit von 224.000 Demonstranten, die Organisatoren von doppelt so vielen. In der Regierung zeigt man sich inzwischen "gesprächsbereit". Ein erster Erfolg, der nahelegt, dass man in Zukunft noch mehr von Benjamin Lucas hören wird.