Wie viele Tote dort liegen, weiß niemand genau. Aber internationale Organisationen gehen von bis zu 800 Menschen aus, die sich an Bord des überfüllten Flüchtlingsbootes befanden, das vor einem Jahr zwischen Libyen und der italienischen Insel Lampedusa gekentert war. Doch auch wenn sich die italienischen Behörden bemühen, den Opfern ihre Namen zurückgeben, indem sie das Wrack bergen und die Personen identifizieren wollen, wird dies wohl nicht in allen Fällen gelingen. Denn schon davor sind Schiffe mit Migranten gesunken. Danach ebenfalls.

Lampedusa stand vor einem Jahr als Symbol für das da, was später die Bezeichnung Flüchtlingskrise erhielt. Und - schon damals - für das Unvermögen Europas, eine gemeinsame Antwort darauf zu finden. Diese hat die Regierung in Rom jahrelang eingefordert. Nach dem Schiffsunglück legte die EU-Kommission dann einen Plan zur Verteilung von Asylwerbern aus Italien und Griechenland vor. Etwas später verschob sich die Debatte und begann um einen verstärkten Schutz der Außengrenzen der Union zu kreisen. In den Fokus der Aufmerksamkeit geriet Griechenland. Idomeni, der Ort an der Grenze zu Mazedonien, wurde zum nächsten Symbol.

Als ein solches könnte Lampedusa aber bald wieder zurückkehren. Die Balkan-Route soll nach dem Willen der entlang ihr liegenden Länder geschlossen bleiben; im Sommer könnten sich wieder zehntausende Menschen von Nordafrika aus auf den Weg nach Italien und damit Europa machen. Österreich will nicht unvorbereitet darauf sein: Es trifft "Vorkehrungen" im Grenzgebiet am Brenner. In Italien löst das Empörung aus: Nicht das bedeute europäische Solidarität.

Allerdings hat die Regierung in Wien auch ein anderes Angebot parat. Beim Treffen mit EU-Amtskollegen am Dienstag will Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil für eine Initiative zur Sicherung der Grenzen mit militärischer Unterstützung werben. Die Idee ist mit Kroatien, Slowenien, Ungarn, Tschechien und der Slowakei abgestimmt. Sie basiert darauf, militärische Mittel zu nutzen, wenn die zivilen nicht ausreichen. So könnten Soldaten an die Grenze geschickt werden - wie es Österreich bereits Mazedonien angeboten hat.

Mag aber der Assistenzeinsatz des Heeres mit einer langen Tradition in einem neutralen Land wie Österreich auch ohne heftige Emotionen diskutiert werden können, weckt die Vorstellung, Soldaten mit Aufgaben der zivilen Behörden zu betrauen, woanders unangenehme Assoziationen. In Deutschland etwa kann die Bundeswehr zwar Katastrophenhilfe leisten, jedoch ist für innere Sicherheit, wie Grenzschutz, allein die Polizei zuständig. So solle es auch bleiben, machte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen klar.

Berlin würde sowieso lieber auf eine bessere Verteilung von Flüchtlingen innerhalb der EU setzen. Aber die entsprechenden Pläne werden bei einem Innenminister-Treffen kommende Woche wohl erneut angepasst - etwa ein Programm zur Neuansiedlung von Asylwerbern. In dessen Rahmen sollen an die 6500 Menschen in den kommenden vier Monaten verteilt werden. Das ist nicht einmal ein Drittel dessen, was früher vereinbart wurde.

Martyna Czarnowska