Jogi Löw hat während der Partie gegen die Ukraine, nun ja, gewisse Umstellungen vorgenommen. Nicht ungewöhnlich für einen Trainer, aber eben nur, wenn es die Mannschaft betrifft, nicht die höchstpersönliche Grundformation. Wieder einmal ist der deutsche Teamchef Opfer der unzähligen Kameras geworden. Bei der WM in Brasilien hatten sie ihn beim intensiven Nasenbohren und einer kurzen Achselschweißkontrolle gefilmt.

Dass ein Trainer kurz einmal vergisst, dass keine Regung und Bewegung den Kameras entgeht, ist grundsätzlich einmal sympathisch, und es zeigt auch, wie intensiv Löws Konzentration auf das Spiel selbst gerichtet ist. Doch die vielen Kameras zeigen auch Wirkung. Spieler und Trainer kommunizieren seit einiger Zeit nur mehr hinter vorgehaltener Hand, nachdem einige Medien Lippenleser engagiert hatten, um Dispute auf dem Feld aufzuklären. Das ist fast paranoid.

Interessanterweise hat diese schon Orwell’sche Überwachung jeder Aktion, nämlich auch abseits des Ballgeschehens, aber nicht dazu geführt, dass sich die Spieler ihre Schwindeleien abgewöhnt haben. Es wird immer noch geschwalbt, dies hinterher meistens abgestritten, obwohl die Superzeitlupenkameras eindeutig den Betrug aufgeckt haben. Warum also diese Schauspielerei? Man kennt das natürlich auch von Arnold Schwarzenegger, der, wann immer eine Kamera auf ihn gerichtet ist, sofort in seine Paraderolle fällt und "I’ll be back" sagen muss. Aber Fußballer sollten eben nicht schauspielern. Der in dieser Hinsicht zugegeben brilliante Portugiese Pepe, bekannt durch seinen beiden Rollen im Champions-League-Finale ("Ich hab ihn nicht einmal berührt" sowie "Er hat mich fast umgebracht"), wird zwar von Zeitlupen regelmäßig der Trickserei überführt, es ist ihm aber offensichtlich ziemlich egal. Man kann Löw wünschen, dass es sich bei ihm ähnlich verhält, schließlich hat sich der Clip mit seinen Feinjustierungen weltweit verbreitet.

Was halt richtig merkwürdig ist, dass den vielen, vielen Kameras, die in den französischen Stadien installiert sind, kein Foul, keine Emotion, kein weinendes Kind und keine blonde Frau unter den vielen tausenden Zuschauern entgeht, komischerweise aber dann doch jene Szenen, in denen russische Fans das Stadion in Marseille zu zerlegen anfangen und Jagd auf die englischen Fans machen. Das wurde einfach nicht gezeigt, so als habe es gar nicht stattgefunden. Wenn Flitzer aufs Feld laufen, zensiert das die Uefa ebenfalls, wobei das Argument dabei noch einigermaßen nachvollziehbar ist. Man will keine Nachahmer, die die TV-Bühne zur Eigendarstellung nutzen und sich diese, wie manchmal geschehen, sogar sponsern lassen und als nackte Werbefläche auf dem Feld herumtanzen.

Hooligans werden nicht gesponsert, dieses Argument greift hier also nicht. Dass es zu Gewaltausbrüchen in einem EM-Stadion kommt, ist berichtenswert und muss gezeigt werden. Kann es aber nicht, wenn es keine TV-Bilder gibt, auf denen einzig und allein die Uefa sitzt. Stattdessen wird ein Trainer genüsslich dabei gefilmt, wie er sich in die Hose greift, statt rasch und elegant wegzublenden. Das ist eigentlich schäbig.