Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".
Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Während die von den USA geführte Koalition in Syrien Grund gewinnt gegen die Terrororganisation Islamischer Staat (IS), richtet sich die Aufmerksamkeit auf eine andere islamistische Gruppierung, die laut USA langfristig eine noch gefährlichere Bedrohung darstellen könnte, den Al-Kaida-Ableger Jabhat al-Nusra. Jabhat al-Nusra spielt seit vier Jahren ein geschicktes Hinhaltespiel. Eingebettet in moderatere Teile der Opposition, wurde auf Terroroperationen im Ausland bisher weitgehend verzichtet. Den USA ist die Terrorgruppe noch wenig ins Visier geraten. Sie hat aber mittlerweile enge Verbindungen zu anderen Rebellenorganisationen wie Ahrar al-Sham aufgebaut, die von der Türkei, Katar und Saudi-Arabien unterstützt werden, und setzt die globalen islamistischen Ambitionen von Osama bin Laden fort. Die verantwortlichen Stellen in den USA haben immer mehr Hinweise, dass Jabhat al-Nusra Operationen gegen Europa und die USA plant. Mitglieder der Gruppe sollen in syrische Flüchtlingskreise in Europa eingeschleust worden sein. Die quälende Frage für die Regierung von US-Präsident Barack Obama ist, wie Jabhat al-Nusra, die das Vakuum füllt, die der IS durch Verluste an Territorium und Popularität hinterlässt, zu bekämpfen ist. Wie bei fast allen Aspekten des Kriegs in Syrien bleibt der US-Regierung kaum eine Wahl. Gegenwärtig besteht dieser politische Alptraum aus der Frage, ob man sich gegen diese Bedrohung mit Russland zusammentun soll. Bassam Barabandi, Spitzenberater der Oppositionskoalition, sagt, dass die meisten Syrer Jabhat al-Nusra als Terrororganisation sehen und die Anstrengungen der USA gegen sie unterstützen würden. Aber die Syrer fürchten, warnt er, dass der Pakt USA-Russland nur Assad stärken und "die Revolution (gegen sein Regime) zerstören" werde. US-Außenminister John Kerrys Plan leidet unter einer schwachen Verhandlungsposition der USA. Russland und Syrien glauben an ihren Sieg. Sie verstärken den Druck auf Aleppo und andere Rebellenhochburgen. Sie haben wenig Anlass, ernsthafte Zugeständnisse zu machen. Zum Vergleich: Die USA versuchen seit drei Jahren vergeblich, gemäßigte Oppositionsstreitkräfte aufzubauen, die Rebellen von Jabhat al-Nusra und sunnitischen Alliierten abziehen. Mehr Erfolg haben die USA damit, den IS im Osten Syriens zu bekämpfen, mit der YPG, einer größtenteils kurdischen Einheit. Aber diese kurdenzentrierte Strategie macht sowohl die Türkei als auch die offizielle sunnitisch-geführte Opposition zum Gegner. Seit fünf Jahren ist der Syrienkrieg ungelöst. Sich mit Russland gegen Jabhat al-Nusra zusammenzutun, könnte bedeuten, dass die Terrorgruppe noch mehr Unterstützung in Syrien bekommt, und könnte die Sunniten noch weiter entfremden. Mit der gegenwärtigen Strategie weiterzumachen, ist jedoch nahezu sicher zum Scheitern verurteilt. Der richtige Zugang für die USA jetzt, wie schon zu Beginn des Chaos, ist, energisch, engagiert, sichtbar humanitäre Hilfe zu leisten und Verwaltungs- und Sicherheitsunterstützung in den von Assad und den Islamisten befreiten Gebieten. "Realismus" kann in Syrien eine Falle sein. Einfach das Richtige zu tun, ist auch eine gute Politik. Übersetzung: Hilde Weiss