Tamara Arthofer ist Sport-Ressortleiterin.
Tamara Arthofer ist Sport-Ressortleiterin.

Na bitte, Österreichs Sportler und Fans dürfen aufatmen. Das US-Magazin "Sports Illustrated" geht von zwei (Bronze-)Medaillen für das rot-weiß-rote Team in Rio de Janeiro aus; Peter Schröcksnadel, der sich als Präsident des Skiverbandes warum auch immer dafür qualifiziert hatte, das (Sommer-)Spitzensportförderprojekt Rio 2016 zu koordinieren, sieht "gute Chancen auf drei Medaillen, vielleicht fünf". Man habe Ziele, aber keine Erwartungshaltung, wolle keinen Druck ausüben, beeilte sich Schröcksnadel hinzuzufügen. Doch mit Prognosen über Medaillen und das Fabulieren über verbesserte Rahmenbedingungen machen die Funktionäre und Experten genau das. Als wäre Olympia mit all seinen schönen, aber auch weniger schönen Nebengeräuschen nicht ohnehin für die Sportler schon Stress genug. Eine unerwartete Welle oder Windböe bei den Wassersportbewerben, eine kleine Unachtsamkeit bei den Kampfsportarten, eine schwierige Auslosung - und jeder Medaillentraum kann sich mit einem Schlag in Schaum auflösen. Freilich betonen auch Schröcksnadel, ÖOC-Präsident Karl Stoss - er hofft übrigens auf drei Stockerlplätze - und Co., dass man eben nicht alles vorhersehen könne, die Rahmenbedingungen seien aber gegeben. Doch sind sie das in Österreichs Sport abgesehen von der absoluten Spitze tatsächlich? Hat sich seit den für Österreich medaillenlosen Spielen von London 2012 wirklich so viel geändert, dass man davon ausgehen kann, dass sich dieses seit Tokio 1964 historisch einzigartige Szenario in Rio nicht wiederholt? Sicher, beim Projekt Rio 2016 wurde gute Arbeit geleistet, nicht nur finanziell, sondern auch organisatorisch Hilfestellung für die Sportler geboten, das bestätigen diese auch. Für Judoka Sabrina Filzmoser organisierte man ein Trainingslager in Japan, den Beachvolleyballern brachte man Sand aus Rio, den Seglern das Material ebendorthin und einiges mehr. Dass es von 28 Athleten im Medaillenkader tatsächlich 27 zu den Spielen geschafft haben, spricht für den Erfolg des Projekts. Und ja, auch in anderen Bereichen ist etwas weitergegangen, der neue Wildwasserkanal in Wien erleichterte etwa Kanutin Corinna Kuhnle das Training. Doch sonst? Die Sportförderung wurde auf neue Beine gestellt, ist aber noch immer auf viele Töpfe verteilt. Wer sie ganz durchschauen will, dem sei ein Wirtschaftsrechtstudium angeraten. Viele Sportstätten modern vor sich hin, dem Nachwuchs fehlen in vielen Bereichen qualifizierte Betreuer, die Anbindung der Vereine an die Schulen funktioniert trotz der Bemühungen vieler ehrenamtlicher Funktionäre nicht wirklich. Zwar tun diese in vielen Fällen alles in ihrer Macht Stehende, doch ist diese halt begrenzt. Ganz generell fristet der Schulsport weiter sein Schattendasein, woran sich auch mit der täglichen Turnstunde (in Ganztagsschulen) sowie einzelner Projekte nichts nachhaltig ändern dürfte. Und bei den handelnden hohen Personen hat man bisweilen das Gefühl, dass nicht an einem Strang gezogen wird, der Sport vielmehr als heißer Erdapfel hin- und hergereicht wird.

Dass dann ausgerechnet diese Personen von Sportlern, die, bis sie einmal dahin kommen, als förderungswürdig angesehen zu werden, weitgehend auf sich gestellt sind, Medaillen einfordern, entbehrt nicht eines gewissen Zynismus.