Tamara Arthofer ist Sport-Ressortleiterin.
Tamara Arthofer ist Sport-Ressortleiterin.

Man kann es freundlich formulieren: Zwischen Schein und Sein ist halt doch ein kleiner Unterschied, gut zu sehen an diesen Spielen. Man kann aber auch sagen: Seitens der Verantwortlichen sind sie eine riesige Heuchelei. Da wird die Aschenputtel-Geschichte der Rafaela Silva, die aus der Favela kam, um zur Prinzessin der Spiele zu werden, gefeiert, während die Elite des Landes die Probleme der Armen seit Jahrzehnten ignoriert oder, im besten Fall, mit untauglichen Mitteln zu bekämpfen versucht. Ganz zu schweigen davon, dass Silva auch in ihrer Heimat früher Ziel von Anfeindungen war.

Da gab man sich gerührt, als die brasilianische Rugby-Spielerin Isadora Cerullo bei der Medaillenzeremonie vor den Augen und Ohren aller einen Heiratsantrag ihrer Freundin Marjorie Enya bekam, während das IOC weiter Staaten und Staatschefs hofiert, bei denen Homosexualität unter Strafe steht.

Da werden russische Leichtathleten samt der Aufdeckerin Julia Stepanowa ausgeschlossen, weil man Russland Staatsdoping vorwirft, russische Athleten anderer Sportarten dürfen aber starten. Weil die ehemals gedopte Julia Jefimowa im Schwimmen Silber holte, gab’s einerseits Buhrufe von den Rängen, andererseits kollektives Aufatmen der Verantwortlichen, weil’s zumindest nicht Gold geworden ist. Gleichzeitig dürfen a) ehemalige Dopingsünder aus anderen Ländern, die ihre Sperre abgesessen haben, ganz selbstverständlich um Gold kämpfen und wird b) denjenigen, die noch schneller, höher, stärker und erfolgreicher sind als Jefimowa gehuldigt. Freilich hat die Sache mit der Doppelmoral jetzt keinen allzu großen Neuigkeitswert. Doch selten war sie so offenkundig wie hier in Rio, und das zumindest passt ganz gut.

Schließlich gilt die Cidade Maravilhosa, die wunderbare Stadt, in der man nicht weit von den üblichen Touristenrouten auf größtes Elend trifft, als Stadt der Gegensätze. Nach diesen Spielen wird es wieder heißen, sie würden zu den besten aller Zeiten gehören und ein nachhaltiges Erbe hinterlassen. In vielen Belangen stimmt das sogar, über die anderen kann man ja großzügig hinwegsehen. Die Show muss schließlich weitergehen, der Zirkus weiterziehen, und Olympia kann sich ja bitteschön nicht um alle Befindlichkeiten kümmern. Dann sollte man aber auch nicht davon reden und den olympischen Geist beschwören. Der scheint sich ohnehin längst irgendwo zwischen Sponsorenwänden und Großbauten verirrt zu haben. Nur in manchen Bereichen findet man ihn noch, es sind eher jene, die nicht gänzlich vom Rampenlicht ausgestrahlt werden, in denen es nicht vorrangig um Gold, Silber oder Bronze in den bedeutendsten Sportarten geht.

Denn für manche ist Dabeisein tatsächlich noch alles, wie für die Mitglieder des Flüchtlingsteams, den paddelnden buddhistischen Priester Kazuki Yazawa, den Sprinter Etimoni Timuani aus dem Pazifik-Inselstaat Tuvalu, der auf 100 Metern um zwei Sekunden langsamer ist als Usain Bolt, oder die ungarisch-stämmige Szandra Szögedi, die als erste Judoka für Ghana, die Heimat ihres Mannes, antritt. Nach ihrem Kurzauftritt über zwei Minuten strahlte sie über ein "einfach unbezahlbares" Erlebnis. Auch das ist eine Zugangsweise. Mit dem olympischen Geist hat sie mehr zu tun als die nächste Goldmedaille von Bolt, Michael Phelps und Co.