Kairo. Die Debatte um das Burka-Verbot ist absurd. Zum einen, weil es in Europa kaum Burkas gibt. Die Totalverschleierung mit dem Augengitter kommt fast nur in Afghanistan vor. Selbst in den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens sieht man sie nur selten. Dann schon eher den Nikab, den Gesichtsschleier mit Sehschlitz, der in Ländern wie Ägypten derzeit eine Renaissance erlebt und in den Golfstaaten schon lange Standard ist. Doch in Europa ist selbst der Nikab selten. In München sieht man ab und zu vollverschleierte Frauen über die schicken Einkaufsstraßen schlendern. Doch diese Damen sind mitnichten Flüchtlinge aus Syrien oder dem Irak, sondern Touristinnen aus Saudi-Arabien oder Katar, von denen Deutschland, Österreich und die Schweiz finanziell erheblich profitieren. Warum also eine derart emotional geführte Debatte um den Gesichtsschleier?

Es drängt sich der Verdacht auf, dass mit der Diskussion über ein Stück Stoff von ernsteren Problemen abgelenkt werden soll. Die Integration von hundertausenden Flüchtlingen aus muslimischen Ländern wird nicht gelingen, indem die Frauen den Nikab oder den Burkini ausziehen. Die Kluft zwischen Orient und Okzident ist viel tiefer, als die oberflächliche Burka-Debatte suggeriert.

Als ich vor 13 Jahren anfing, im Nahen Osten zu arbeiten, bekam ich einen guten Rat: "Wenn du ins Flugzeug Richtung Orient einsteigst, vergiss alles, was für dich normal war, und denke das Gegenteil. Nur dann kommst du dort klar." Genau das ist der Fall. Die Atmosphäre, der Alltag, einfach alles ist das Gegenteil dessen, was in Europa gang und gäbe ist. Während in Österreich strikte Regeln im Straßenverkehr gelten, in Deutschland penibel auf Mülltrennung geachtet wird, Gerichtsurteile bindend sind, bürokratische Wege eingehalten werden müssen, werden diese Dinge im Orient eher lax gehandhabt. Kaum einer bleibt an einer roten Ampel stehen; der Verkehrspolizist wird bestochen, wenn er Mängel am Fahrzeug feststellt; Richter entscheiden nach Gutdünken; öffentliche Dienste funktionieren durch Bakschisch oder Vetternwirtschaft und das Wort Mülltrennung fehlt im arabischen Sprachgebrauch gänzlich.

Völlig anders verhält es sich im privaten Bereich. Während in westlichen Ländern inzwischen fast alles erlaubt ist, jeder mit jedem leben kann, wie er will, herrschen im Orient strikte Regeln, deren Zuwiderhandlung drastische Sanktionen hervorrufen. Die Ehrenmorde in den islamischen Ländern sind nichts anderes als eine Reaktion auf die Missachtung des Moralkodex, der von Stammesstrukturen, Clans oder die Religion vorgegeben wird. Das Zusammenleben, das Verhalten der Geschlechter untereinander ist so kompliziert, dass selbst "Eingeborene" zuweilen vor der Komplexität kapitulieren und ihren Umgang miteinander einschränken. Viele Frauen im Orient beklagen die Einsamkeit und Abgeschiedenheit, in der sie leben, als direkte Folge dieser Verhaltensregeln. So ist nicht nur Sex vor der Ehe strikt verboten, sondern auch Homosexualität und der Umgang einer verheirateten Frau mit einem nicht verwandten Mann. Dies treibt zuweilen unverständliche Blüten, die im Alltag offen zutage treten.

Parallelwelten

Zum Beispiel beim Sammeltaxi: Es ist das gängigste Transportmittel des Orients für die Mittel- und Unterschicht. Es ist preiswert und ziemlich effektiv. Sammeltaxen sind entweder normale Pkw mit fünf Plätzen oder Minibusse mit sieben oder zehn Sitzen. Der Fahrer brüllt die Fahrtrichtung den an der "Garage" Ankommenden entgegen und wartet, bis das Fahrzeug voll ist. Die Insassen teilen sich die Kosten. Da es sich für eine Frau jedoch nicht geziemt, neben einem fremden Mann zu sitzen, muss sie entweder eine männliche Begleitung dabeihaben, auf dem Beifahrersitz Platz nehmen oder warten, bis genügend Frauen da sind, neben denen sie sitzen kann. Eine aufwendige Prozedur, die illustriert, wie tief die kulturellen Unterschiede zwischen Orient und Okzident tatsächlich sind. Es ist nicht die Burka, das Stück Stoff, über das wir diskutieren sollten. Es sind die Parallelwelten, die in der orientalischen Kultur gelten und die bei uns überwunden sind. Es ist die Polygamie der muslimischen Männer, die auch in Europa schon von einigen Richtern legalisiert wurde, es ist die Heirat mit Minderjährigen, die nach europäischem Recht in die Schule gehören und nicht an den Herd. Allein in Berlin sind bereits 100 Kinderehen unter Flüchtlingen offiziell registriert worden. Darüber müssen wir diskutieren.