Christoph Rella

Es ist ein Bild, dass sich in das kollektive Gedächtnis der US-Sportgeschichte eingebrannt hat. Zwei Olympioniken schwarzer Hautfarbe in Mexiko City, die im Moment ihres größten Triumphs während der Siegerehrung die linke Hand mit geballter Faust in den Himmel strecken - das war damals, im Jahr 1968, tatsächlich etwas für viele US-Amerikaner Schockierendes. Nicht nur wurde da das Kampfsymbol von Black Power, einer (in den Augen vieler Weißer) radikalen Bewegung live im Fernsehen gezeigt, sondern das auch noch zu den Tönen der Nationalhymne. Dabei wussten die beiden US-Sprinter, als sie mit der Aktion gegen die (tatsächlich existierende) Unterdrückung der Schwarzen protestierten, was sie taten. Denn nichts scheint weiße US-Amerikaner mehr aufzuregen als ein Schwarzer, der nicht das Star-Spangled-Banner ehrt.

Dass das bis heute so ist, beweist der aktuelle Fall des semifarbigen Football-Profis Colin Kaepernick. Um gegen die jüngsten Fälle von Polizeigewalt und Tötungen von Schwarzen in den USA öffentlich zu protestieren, hat er es sich zur Gewohnheit gemacht, bei NFL-Spielen zur Nationalhymne nicht etwa die Faust in den Himmel zu strecken, sondern - zu knien. Dass aber der 28-jährige Quarterback der San Francisco 49ers für die Aktion, so wie einst Smith und Carlos, nun gleich mit Mord bedroht wird, verwundert da etwas, gilt doch Knien eher als Zeichen der Demut und nicht als Gewaltsymbol wie zum Beispiel eine erhobene Faust. Vermutlich ist aber genau deshalb die Geste so stark: Auf den ersten Blick steht sie für friedlichen Protest, auf den zweiten Blick zeigt sie aber etwas, was sich wohl viele denken, aber nicht aussprechen trauen: eine Hinrichtungsszene. Und das zu den ernsten Klängen der Nationalhymne. Ganz schön mutig, dieser Kaepernick.