Emel Mathlouthi war in ihrer Heimat schon vieles: verboten, Ikone, selbstgewählte Exilierte. Für die einen ist die 35-Jährige die tunesische Björk, für andere einfach nur ein arabisches Musikkolorit. Für ihre Landsleute so wie für viele andere Nordafrikaner ist sie jedoch untrennbar mit der Demokratiebewegung und dem Arabischen Frühling verbunden. Damals, als das Volk gegen seine Machthaber revoltierte, wurde ihr Lied "Kelmti Horra" ("Mein Wort ist frei") zur Hymne des Aufstandes, der mit dem Abgang der sogenannten Präsidenten und dem Demokratisierungsprozess in Tunesien endete. Doch Mathlouthis politisches Engagement begann schon viel früher. Als Studentin war sie von der Perspektivenlosigkeit in ihrem Land und der gleichzeitigen Apathie ihres persönlichen Umfelds frustriert. Also Griff sie zu Feder und Gitarre und schrieb Lieder wie "Armes Tunesien". Vielen Tunesiern sang sie damit aus der Seele. Weniger Anklang fand sie damit hingegen bei der tunesischen Regierung, die ihre Songs 2008 in Radio und Fernsehen verbieten ließ. Damit schaffte es das Regime von Präsident Ben Ali zwar, Mathlouthi ins Exil nach Paris zu treiben, mundtot machen konnte es sie aber nicht. Im Gegenteil: Via Internet und YouTube verbreiteten sich Mathlouthis Lieder weiterhin wie ein Lauffeuer in Tunesien. Und als sich die Tunesier 2011 schließlich gegen Ben Ali erhoben, war Mathlouthi wieder da, sang auf dem Hauptplatz von Tunis "Mein Wort ist frei" und die Demonstranten sangen mit. Doch irgendwann nach dem Sieg der Demokratie ebbte die Euphorie ab. "Im Jahr nach der Revolution wurde ich mit offenen Armen empfangen", sagte Mathlouthi der Zeitschrift "The National" aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. "Ich bin in großen Hallen aufgetreten, es war beeindruckend und dann auf einmal war alles vorbei." Zumindest in Tunesien. Denn ihre Musik begeisterte auch weiterhin Menschen rund um den Globus. Mathlouthi hatte Auftritte, die sie von Bagdad bis Montréal und sogar bis nach Innsbruck und Bregenz führten; nur eben nicht in ihre Heimat. Das soll sich nun ändern. "Ich werde dieses Jahr zurückgehen. Ich werde mir den Weg freikämpfen und wieder auftreten", verriet sie "The National", dass sie einen Konzertauftritt in ihrer Heimat plant. Eigentlich hat sich Mathlouthi inzwischen in New York niedergelassen, wo sie mit ihrem amerikanischen Mann und ihrer Tochter lebt. Doch für ihr neues Album "Ensen" ("Menschlich") war sie wieder in Tunesien, wo sie den Großteil der Lieder mit ortsansässigen Musikern aufgenommen hat. Und auch, wenn sie als Stimme der tunesischen Revolution eigentlich einem Konzert in ihrer Heimat mit Zuversicht entgegenblicken sollte, so sagte sie doch nach den Jahren der Absenz: "Es ist nicht leicht für mich, dort aufzutreten."