Alexander U. Mathé
Alexander U. Mathé

Safiyo Jama Gayre hat vor kurzem ihr Studium abgeschlossen. Ein Ereignis, das der somalischen Zeitschrift "Hiraan" eine ordentliche Meldung wert war, und das nicht nur, weil studierende Frauen in Somalia eine Minderheit sind. Safiyo ist auch noch 60 Jahre alt und somit die älteste Frau, die jemals in Somalia ein Studium abgeschlossen hat. Ihre Fächer auf der staatlichen Universität Puntland waren Scharia und säkulares Recht. Die Triebfeder, eifrig zu lernen, war für sie, irgendwann in der Lage zu sein, Vergewaltigungsopfern zu helfen und generell in Frauenangelegenheiten behilflich sein zu können. "Mir ist es schlecht gegangen, wenn Frauen vor Gericht nicht recht gegeben wurde. Ich war schockiert von den Berichten von Frauen, die Opfer sexueller Übergriffe waren, manchmal musste ich den Gerichtssaal weinend verlassen", sagte sie dem britischen Sender BBC. Also beschloss Safiyo, sich trotz ihres hohen Alters sich ins Zeug zu legen und die in Somalia sehr niedrige Quote an Juristinnen zumindest ein wenig zu heben. Denn ohne diese haben Frauen generell einen schlechten Stand: In Scheidungsangelegenheiten bekommt üblicherweise der Mann alles, auch ist es für eine Frau gar nicht so einfach, von sich aus geschieden zu werden. Hinzu kommen noch die von Safiyo beschriebenen aussichtslosen Vergewaltigungsprozesse. Unter den Studenten war Safiyos Spitzname "Oma" - treffend angesichts ihrer familiären Situation. Doch diese Oma zeigte den Jungen, wo es langging: "Als die Resultate der Aufnahmeprüfung ausgehängt wurden, war ich die Zweitbeste", erzählte sie dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), das ihr ein Stipendium für das Studium gegeben hatte. Sie war auch die Erste in ihrem Jahrgang, die die Diplomarbeit abgab. Nicht nur deshalb ist Safiyo inspirierend.

Sie zeigt auch, dass man mit einem starken Willen trotz widriger Umstände seine Träume erreichen kann. Und genau das war das Jusstudium für Safiyo, auch wenn sie nach Abschluss der Höheren Schule im Jahr 1980 geheiratet hatte und ihre familiären Verpflichtungen sie voll auslasteten. Als der Stress vorbei war, inskribierte sie im Jahr 2012 nach dem Motto "besser spät als nie". Keine einfache Sache, denn als Frau gilt es hier zuerst soziale und kulturelle Barrieren zu überwinden. Safiyo Jama Gayre will jetzt anderen Frauen und Mädchen als Vorbild dienen, denn wenn sie es schaffen konnte, sollte es anderen eigentlich auch möglich sein. "Es ist nie zu spät, für sich Möglichkeiten zu schaffen", sagte sie. Und was ihr eigentliches Ziel - Frauen unter die Arme zu greifen - betrifft, erklärte sie: "Jetzt habe ich wieder Mut gefasst, weil ich das Gefühl habe, dass ich ihnen helfen kann."