Nun hat sich auch Österreichs Kombinierer Felix Gottwald zur laufenden Debatte um Gewalt und Missbrauch im Sport zu Wort gemeldet. Und das mit durchaus deutlichen Ansagen. "Macht und Missbrauch hatten und haben im Spitzensport System", schrieb er am Freitag in seinem Blog. Und mit Blick auf die Zustände im Ski-Gymnasium Stams, dem er als Ex-Zögling angehörte: "Ja, es gab sie, diese demütigenden und entwürdigenden Rituale, Pastern und ein paar mehr - aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbare, brutale Machtdemonstrationen." Die Unterwerfungsrituale seien "Internatsalltag" gewesen, fährt Gottwald fort, und gewiss keine Einzelfälle. "Einzelfall wäre eher, wenn es tatsächlich jemand nie mitbekommen haben sollte."

Soweit, so klar. Die Frage, die sich allerdings stellt, ist: Warum hat bis zum Auffliegen des Skandals kein einziger Absolvent je den Mund aufgemacht? Selbst dann nicht, als mit dem Aufkommen der ersten Missbrauchsvorwürfe in Wiener Heimen und Kirche vor bald zehn Jahren alle Zeitungen darüber schrieben und sich eine Kommission nach der anderen der Opfer annahm? Schließlich hat das Gymnasium genügend Persönlichkeiten - darunter viele Olympiasieger und Weltmeister - hervorgebracht, von denen man meinen möchte, dass sie, wenn es darauf ankommt, Klartext reden.

Aber vermutlich ist es wirklich so, wie Gottwald in seinem Blog schreibt: "Stichproben in die eigene Biografie fördern oft etwas zutage, das im Nachhinein kaum mehr zu begreifen ist, auch wenn es längst in der Erinnerung als Episode unter dem Titel ‚War halt damals so‘ gut abgelegt ist. Ich habe selbst einige Zeit gebraucht, um das in mir zu ordnen." Im Fall Gottwalds waren es 30 Jahre. Aber es ist besser, das Schweigen wird spät gebrochen als nie.