Im Jahr von Leonard Bernsteins 100. Geburtstag wird seine geistige Nachfolgerin als Chefdirigentin eines Wiener Orchesters bestellt. Wenn das nicht Symbolkraft hat...!

Über das Profil des RSO Wien wird seit 1982 mehr oder minder öffentlich diskutiert. 1982 wechselte der Chefdirigentenposten des Radio-Symphonie-Orchesters vom damaligen Neue-Musik-Propagandisten Leif Segerstam zum Universalisten Lothar Zagrosek. Das RSO könne kein Nischen-Orchester bleiben, hieß es. Seither positionierte es sich bald etwas mehr (unter Pinchas Steinberg, Bertrand de Billy und Cornelius Meister), bald etwas weniger (unter Dennis Russell Davies) als ganz normales Symphonie-Orchester auf breiter klassischer Basis mit ein paar aufgesetzten zeitgenössischen Lichtern.

Doch braucht Wien wirklich zwei Symphoniker, die nur in einem Fall anders, nämlich RSO, heißen?

Die Bestellung von Marin Alsop als Chefdirigentin könnte eine Weichenstellung ganz ohne in die Öffentlichkeit getragene Diskussion bedeuten. Alsop ist zwar nicht um Klassiker wie Tschaikowski, Brahms oder Dvořák verlegen, aber ihre zentralen Interessen sind anders gelagert. Als Mitteleuropäer ist man schon froh, wenn man wenigstens Namen wie Adams, Daugherty, Hersch oder Puts kennt: Komponisten, die Alsop ein Anliegen sind. Bernstein und Prokofiew sind für sie Klassiker mit Fixplätzen im Repertoire. Ob die Zeiten des RSO als Neue-Musik-Orchester zurückkehren, lässt sich freilich noch nicht sagen. Erfrischend kann es aber werden - und sein Profil wird das RSO auf jeden Fall schärfen.