Alexander U. Mathé
Alexander U. Mathé

Wang Qishan ist wieder da - ohne, dass einer breiteren Öffentlichkeit je aufgefallen wäre, dass er überhaupt weg war, oder dass es ihn je gegeben hat. Dabei gehört Wang wahrscheinlich zu den einflussreichsten und mächtigsten Menschen in China. In den letzten Jahren galt er sogar als mächtigster Mann nach Präsident Xi Jinping, dessen enger Vertrauter er ist. Wang gehört der Zhiqing-Generation an, die so mancher eine verlorene Generation nennt. Während der Kulturrevolution wollte Mao junge gebildete Städter zu Bauern machen. So wie etwa 17 Millionen andere Jugendliche traf diese Politik auch Wang, der nach der Schule fern von Familie und Bildung in bäuerlichen Gefilden der manuellen Arbeit frönen durfte. Der Großteil dieser zwangsbeglückten Landjugend schaffte es nicht, sich bei ihrer Rückkehr wieder in die Stadt zu integrieren. Schwarzarbeit, Kriminalität oder Arbeitslosigkeit kennzeichneten das Leben vieler Zhiqings. Nicht aber jenes von Wang. Er studierte Geschichte, ging an die Chinesische Akademie der Sozialwissenschaften und heiratete die Tochter des späteren Vizepremiers Yao Yilin. Dies, so heißt es, sei der Beginn seiner glänzenden politischen Karriere gewesen. Wang kam zur China Construction Bank, deren Gouverneur er 1994 wurde. Zehn Jahre später war er Bürgermeister von Peking und führend an der Ausrichtung der Olympischen Spiele beteiligt. 2007 schaffte er es ins Zentralkomitee und das Politbüro der Kommunistischen Partei. 2009 war er Spezialrepräsentant des US-chinesischen strategischen und wirtschaftlichen Dialogs. 2012 schließlich machte ihn Xi Jinping zum Chef der Anti-Korruptionsbehörde. Als solcher, sagen Analysten, habe er die Macht Xis gefestigt, weil so hochrangige Parteifunktionäre und Militärs abgesetzt wurden. Die Behörde führt ihre Ermittlungen unter Ausschluss von Justiz und Öffentlichkeit durch. Vergangenes Jahr erreichte Wang mit 68 das Alter, das einem ungeschriebenen Gesetz zufolge die Pension für höchstrangige Funktionäre bedeutet und zog sich aus seinen Ämtern zurück. Umso mehr sorgte es für Aufsehen, als diese Woche bekannt wurde, das Wang als Abgeordneter in den Nationalen Volkskongress (Parlament) einziehen werde. Das hat Spekulationen über seine politische Zukunft angeheizt. Analysten sehen in der Ankündigung ein sicheres Zeichen dafür, dass Wang im März Vizepräsident wird. Dieser Posten wäre durchaus stimmig, da er eng mit der Außenpolitischen Führungsgruppe der KP verbunden ist. Wang hat schließlich über die Jahrzehnte die chinesische Politik Chinas mit den USA mitgestaltet und noch im September ein geheimes Treffen mit Steve Bannon gehabt, als dieser noch Berater von Präsident Donald Trump war. Angesichts wirtschaftlicher Spannungen zwischen China und den USA, könnte er der Mann sein, der hier das Steuer übernimmt. Doch seine Macht könnte weiter reichen. Wie weit, das liegt in der Hand Xis. Denn der chinesische Vizepräsident kann so viel Funktionen ausüben, als ihm der Präsident anvertraut. Tritt der Präsident zurück oder stirbt, folgt ihm sein Vize nach. Sowohl Jinping als auch dessen Vorgänger Hu Jintao waren übrigens Vizepräsidenten, bevor sie Präsidenten wurden.