Alexander U. Mathé
Alexander U. Mathé

Lim Hyeon-ju ist Moderatorin im südkoreanischen Fernsehen. An einem schönen Tag im April setzte sie ihre Brille auf, macht sich vor der Kamera zurecht und begann die Nachrichten anzusagen. Und damit sorgte sie für landesweite Aufruhr und eine Welle an Sympathiebekundungen. Nun ist es nicht so, dass die Neuigkeiten oder die Art, wie sie diese präsentierte, besonders bewegend gewesen wären. Was die Euphorie auslöste, war vielmehr ihre Brille. Das mag auf den ersten Blick trivial erscheinen, ist aber so etwas wie eine Revolution in der audiovisuellen Welt Südkoreas. Dort gibt es nämlich eine stillschweigende Übereinkunft, dass Fernsehmoderatorinnen makellos schön zu sein haben. Eine Brille passt da nicht ins Konzept. Männlichen Moderatoren wird Fehlsichtigkeit hingegen nachgesehen. Der "Korea Herald" berichtet, dass es durchaus schon vorgekommen ist, dass weibliche Angestellte per Arbeitsvertrag dazu verpflichtet wurden, Kontaktlinsen zu tragen. Lim Hyeon-ju ist nun die erste südkoreanische Moderatorin, die in einem regulären Nachrichtenprogramm eine Brille getragen hat. "Bewundernswert", "toll", "nachahmenswert", ergingen sich viele Koreaner in ihren Reaktionen. Lim war ebenfalls begeistert von der neuen Arbeitserfahrung. "Ich musste nicht meinen falschen Wimpern draufgeben und dadurch auch nicht so viel Make-up. Meine Augen waren nicht so trocken, dadurch konnte ich auf die Augenflüssigkeit verzichten, ohne die ich eigentlich nicht leben kann", schrieb sie. Allerdings habe sie auch jeder gefragt, warum sie eine Brille trage. Was das ganze noch verstärkt, ist dass Lim dies nicht einfach zufällig oder aus gesundheitlichen Gründen tat, sondern mit einem klaren Statement verband. "Ich hoffe, dass das eine neue Perspektive öffnet", sagte Lim. "Nur weil ich eine weibliche Moderatorin bin, bedeutet das nicht, dass ich keine Brille tragen kann." "Das sieht nach nichts aus, ist aber ein starkes Symbol", erklärte die französische Koreaexpertin Juliette Morillot gegenüber der Zeitung "La Croix". In der koreanischen Gesellschaft sei seit dem 14. Jahrhundert "die Gruppe wichtiger als der Einzelne. Das Erscheinungsbild ist fundamental für den Zusammenhalt, daher muss es mit allen anderen harmonieren." Für Außenstehende besonders gut zu beobachten ist dies an den südkoreanischen Schönheitsköniginnen. Sie - wie auch die Bewerberinnen generell - sehen einander nämlich frappierend ähnlich. Auch im K-Pop ist kaum eine Sängerin von der anderen zu unterscheiden. In diesem Kontext gesehen ist Lims Aktion wohl mehr als ein Ausrutscher. Es könnte ein Symbol für einen Wandel der koreanischen Gesellschaft sein, die gerade dabei ist, ihre alten Verhaltensnormen abzuschütteln.