Alexander U. Mathé ist Redakteur im Wien-Ressort.
Alexander U. Mathé ist Redakteur im Wien-Ressort.

Molly Burke gibt Lifestyle-Tipps. Sie erklärt auf YouTube, wie man sich richtig schminkt, was gerade die modischen Must-haves sind oder welche Farben man am besten kombiniert. Das ist jetzt nicht sonderlich originell. Immerhin gibt es Lifestyle-YouTuberinnen wie Sand am Meer.

Doch etwas macht die 23-jährige Kanadierin außergewöhnlich. Sie ist blind. Das sorgt bei vielen Zusehern für Verwunderung, da sie gleich mit mehreren Paradoxa konfrontiert sind. Sieht man Molly zu, käme man nicht einmal auf die Idee, dass sie blind ist: Mit ihren großen Augen blickt sie freundlich in die Kamera; zeigt sie nach links, sieht sie nach links; denkt sie nach, verdreht sie die Augen nach oben; dann wieder geht sie zielsicher zu ihrem Kühlschrank und beschreibt dessen Inhalt.

Gleichzeitig erwartet man sich nicht ausgerechnet von einer blinden Person Tipps in einem Bereich, der primär auf visuellen Reizen basiert. Wie kann Molly also so erfolgreich modische Tipps geben? Zuerst einmal war Molly nicht immer blind. Als sie vier Jahre alt war, wurde bei ihr Retinopathia pigmentosa festgestellt. Dieses Augenleiden führt letztlich zur Erblindung. Es gibt bis heute keine Behandlung, die das Fortschreiten verhindern oder die Krankheit heilen kann. Bei Molly war es im Alter von 14 Jahren so weit. Als wäre das nicht schon schlimm genug, wurde sie auch noch in der Schule gehänselt. In dieser Situation wurde YouTube zu ihrem Zufluchtsort, an dem sie sich nach wie vor an ihrer großen Passion, Mode und Schminke, erfreuen konnte.

Molly Burke - © WZ/youtube
Molly Burke - © WZ/youtube

Sie hörte den Mode-YouTubern zu, wie sie beispielsweise die Rouge-Nuance der großen Visagisten beschrieben oder wie und wo genau die Schminke aufgetragen wurde. Ähnlich verhielt es sich beim Gewand. Molly sog all diese Tipps auf, lernte, was angesagt ist, malte sich aus, was noch gut aussehen könnte. Sie begann zu experimentieren, was bei ihren Eltern zu Lachanfällen führte, doch allmählich wurde sie sicherer. Schließlich startete sie ihren eigenen Blog.

Inzwischen hat sie mehr als eine Million Abonnenten, die regelmäßig ihre Tipps ansehen. Zum Vergleich: Kim Lianne, der österreichische YouTube-Star in Sachen Lifestyle, hält bei 850.000 Abonnenten. Und weil Molly das so gut macht, gibt es Menschen, die bezweifeln, dass sie blind ist. Sie nimmt es mit Humor und klärt in manchen ihrer Videos gängige Missverständnisse und Irrtümer auf. Beispielsweise zweifelte ein Zuschauer ihre Blindheit an, weil sie auf einen Kommentar schnell eine Antwort tippte: "Im Zeitalter von Siri bist Du nie auf die Idee gekommen, dass man diese Technik auch verwenden kann, um Blinden zu helfen?" Da überrascht auch ihr Beruf abseits des Internets nicht wirklich: Motivationstrainerin.