Alexander U. Mathé
Alexander U. Mathé

Als Eskinder Nega im April freikam, war ihm klar, dass die äthiopische Regierung nicht einfach ihre Meinung geändert hatte. Sechseinhalb Jahre war er im Gefängnis gesessen. Verurteilt wegen Terrorismus; weil er zu Gewalt gegen die Regierung aufgerufen habe und mit dem Westen im Bunde stehe. In Wahrheit, sagt er, werden solche Anschuldigungen gerne gegen Journalisten erhoben, die sich gegen ihre Regierung stellen, weil sie Freiheit und Demokratie fordern. Die demokratische Bewegung habe schließlich auch für seine Freiheit gesorgt, schreibt Nega im US-Magazin "Time". Denn das Volk habe die Freilassung von Aktivisten, Journalisten und Bloggern gefordert, nachdem ein Ruck des Wandels durch Äthiopien ging. Seit Abiy Ahmed im April Premierminister wurde, beginnt sich einiges zu ändern. So unterzeichnete beispielsweise Äthiopien ein Friedensabkommen mit Erzfeind Eritrea. Staatspräsident Hailemariam kündigte an, die demokratischen Freiheiten in dem autoritär regierten Land ausweiten zu wollen. Und natürlich ist da noch die Freilassung von hunderten politischen Gefangenen. Für Nega ist es das vorläufige Ende eines Lebens, das von Gefängnisaufenthalten geprägt war. "Seit 1993 bin ich neun Mal verhaftet worden", sagt Nega. Ich habe fast ein Fünftel meines Lebens im Gefängnis verbracht, weil ich einfach nur meine Arbeit als Journalist gemacht habe", führt der 48-Jährige aus. Besonders furchtbar muss es im Jahr 2005 gewesen sein. Damals zeichnete sich bei den Wahlen ein Sieg der Opposition ab, woraufhin die Regierung die Stimmenzählung stoppte und sich zum Wahlsieger erklärte. Proteste waren die Folge und Nega schrieb als Chefredakteur der Zeitung "Satenaw" scharfe Artikel gegen die Regierung. Es folgte die Verhaftung wegen Landesverrats. Seine schwangere Frau, die ebenfalls Journalistin ist, teilte sein Schicksal. Negas Sohn wurde im Gefängnis geboren. Immerhin kamen Frau und Kind später frei. Nega blieb im Gefängnis, wurde geschlagen, gefoltert und gedemütigt. Bücher und Schreibutensilien wurden ihm weggenommen. "Sie wollten mich nicht nur einsperren, sie wollten auch meinen Geist brechen", sagt Nega. Doch das gelang ihnen nicht. "Ich wusste stets, dass es nicht um mich ging. Es war ein Kampf zwischen der Tyrannei und der Freiheit, der sich durch mich manifestierte", sagte Nega der "Washington Post". Und Nega blieb stets ein Symbol dieser Freiheit. Auch jetzt ist Nega noch vorsichtig. Man müsse abwarten, ob die Regierung lediglich Reformen innerhalb des Systems durchführen wolle oder das System an sich ändern wolle. Doch so oder so werde die Freiheit der Tyrannei die Stirn bieten. Das sei seit Anbeginn der Menschheit so gewesen und nun sei dieser Moment für Äthiopien gekommen.