Rocco Casalino hat sich die zweite Reihe nicht ausgesucht. Aber er hat gelernt, von ihr aus den Ton anzugeben. Eigentlich wollte der italienische Regierungssprecher ja Politiker werden. Er wollte bei den Regionalwahlen 2013 in der Lombardei antreten, doch da holte ihn seine Vergangenheit ein. Casalino war eine schillernde Figur der seichten Fernsehunterhaltung. Im Jahr 2000 zog er in den Container von "Big Brother" ein, als die Sendung erstmals in Italien ausgestrahlt wurde. Dort polarisierte er, unter anderem dadurch, dass er meinte, dass Obdachlose und Migranten stinken. Aber auch an so manches Bekenntnis erinnern sich die Leute bis heute. Sein Vater soll Alkoholiker gewesen sein, der die Muter schlug. In Deutschland geboren und aufgewachsen, kehrte er mit 16 Jahren nach Italien zurück. Er schloss eine Ausbildung zum technischen Kaufmann und später zum Elektroingenieur ab. Nach "Big Brother" blieb er dem Fernsehen erhalten, frequentierte diverse Talkshows, wechselte schließlich die Seiten und wurde Fernsehjournalist. Laut einem Profil mit seinem Namen auf einem Online-Berufsnetzwerk hätte er an der US-Universität in Shenandoah einen Master gemacht. Medienrecherchen ergaben, dass das nicht stimmte. Damit konfrontier,t erklärte Casalino, es handle sich um einen Fake-Account, den jemand anders aufgesetzt haben musste. Nach seiner Fernsehkarriere beschloss Casalino, in die Politik zu gehen und für die Fünf-Sterne-Bewegung zu kandidieren. Die Partei besteht, ganz nach dem Vorbild ihres Gründers, dem Berufsclown Beppe Grillo, oftmals aus sehr ungewöhnlichen Repräsentanten. Doch Casalinos Profil war seinen Kollegen dann doch zu schillernd. Nach internen Protesten zog er seine Kandidatur zurück. Stattdessen ging der deklarierte Bisexuelle in die Kommunikationsabteilung der Partei. Von dort aus begann er einen nach dem anderen seiner Kontrahenten zu überholen. Vom stellvertretenden Fraktionssprecher im Senat hantelte er sich in dieser Position ins Europaparlament. Dann wurde er selber Chef als Parteisprecher. Als solcher begann er irgendwann den Politikern vorzugeben, wo es langgeht: Bestimmten bis dahin die Abgeordneten, wann, wie und mit wem sie kommunizierten, gab das nun Casalino vor. Er suchte aus, wer mit der Presse reden durfte und wer nicht. Was man sagen durfte und was nicht. Den Fraktionschef im Senat ("zu schlecht, dazu noch mit einem fürchterlichen sizilianischen Akzent") erteilte er ein Medienverbot. Schließlich zog er nach gewonnener Wahl im Juni in den Palazzo Chigi ein, als Regierungssprecher des frisch gewählten Premierministers Giuseppe Conte. Nun nimmt er als Berater an allen wichtigen Ereignissen wie etwa dem G7-Gipfel teil. Hochrangigen Funktionären des Wirtschaftsministeriums droht er mit Entlassung, sollte dieses nicht die Finanzierungen für die Einführung der Mindestsicherung lockermachen. Die Zeitung "l’Espresso" deckte auf, dass Casalino der Bestverdiener im Regierungspalast ist und deutlich mehr Geld erhält als der Premier selbst. Der Chefredakteur des "Espresso" analysierte die Situation so: "Wir sind in der Absurdität angekommen: Conte ist eigentlich der Sprecher von Casalino."