"Ist es gut oder schlecht, dass so viele junge Leute weggehen?" Diese Frage bekam Alisa vor kurzem von ihrem Sohn gestellt. Immer wieder hört der Zwölfjährige von den Menschen, die Mazedonien verlassen: In Nachrichten, im Freundes- und Bekanntenkreis ist davon die Rede. Seine Tante lebt in der Schweiz, ihre Kinder kennen die Heimat ihrer Mutter nur von kurzen Besuchen dort. Alisa selbst, die als Dolmetscherin in Skopje arbeitet, will nicht auswandern. In ihre Geschichten von Emigration mischt sich Traurigkeit. Sie erzählt von leeren Zentren mazedonischer Städtchen, die sich nur im Sommer füllen, wenn die ehemaligen Bewohner auf Urlaub kommen. Sie berichtet von schwarz-rot-goldenen Fahnen und solchen mit einem weißen Kreuz in der Mitte, die vor mazedonische Häuser gehängt werden, weil die halbe Familie in Deutschland oder in der Schweiz wohnt. Sie spricht von 120 Ärzten, die innerhalb von nur drei Monaten ins Ausland gezogen sind - und das ist lediglich die offizielle Zahl. Zehn Mal so viele Mediziner können es in den vergangenen Jahren gewesen sein. Für ein Land mit nicht einmal zwei Millionen Einwohnern ist das alles andere als unbedeutend.

An die 500 Kilometer Luftlinie von Skopje entfernt, in Sarajevo, arbeitet Andrej für einen Fernsehsender. Der Mittdreißiger sagt zu seiner 23-jährigen Journalistenkollegin: "Wenn ich so jung wie du wäre, würde ich weggehen." Er selbst, meint er, habe nicht mehr die Energie dazu. Außerdem habe er sich gerade eine kleine Wohnung gekauft. Mit der politischen, wirtschaftlichen Entwicklung seines Landes kann er nicht zufrieden sein: Bosnien-Herzegowina sei ein dysfunktionaler Staat, dessen komplizierte Struktur nicht nur die Verwaltung erschwert. Dass die Wahlen am Sonntag etwas daran ändern, glaubt Andrej nicht.

Bessere Perspektiven - nicht zuletzt ökonomische - suchen etliche Südosteuropäer daher woanders. Mazedonien haben in den vergangenen Jahren schätzungsweise 300.000 bis 500.000 Einwohner verlassen, in Bosnien-Herzegowina leben eine Million Menschen weniger als vor dem Krieg Anfang der 1990er Jahre. Aber auch EU-Bürger wollen bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen finden. Jeder siebente Rumäne arbeitet im Ausland. Polen, Bulgaren, Kroaten emigrieren.

Das führt nicht nur dazu, dass es in manchen Gegenden immer weniger junge Leute gibt oder Ärzte schlicht fehlen, dass Pflege- und Pensionssysteme wackeln oder dass politische Aufbruchstimmung von Resignation überdeckt wird. Wenn die demografische Entwicklung nicht berücksichtigt wird, kann das sogar Wahlen verzerren.

Das zeigt sich etwa bei der Beurteilung der Wahlbeteiligung: In Mazedonien hätten am Namensreferendum vergangene Woche mindestens 50 Prozent der Stimmberechtigten teilnehmen sollen. Doch von diesen sind ja hunderttausende gar nicht im Land. Um dem Votum Gültigkeit zu verleihen, hätten daher in Mazedonien weit mehr Menschen zu den Urnen gehen müssen.

Unregelmäßigkeiten im Wahlregister tauchen notorisch in Bosnien-Herzegowina auf. Auch dort soll in manchen Orten die Zahl der Namen auf den Listen jene der Einwohner übersteigen.