Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung". - © WZ
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Nun ist er also in der Zielgeraden, der Brexit, am kommenden Sonntag wird der Scheidungsvertrag zwischen Großbritannien und der EU besiegelt. Kaum jemand auf der Insel wird mit dem Deal zufrieden sein, aber er ist das Resultat der politischen Selbstverstümmelung des 23. Juni 2016, als die Briten mit knapper Mehrheit für einen Austritt aus der Europäischen Union stimmten. Doch ob es für diesen Deal eine Mehrheit im britischen Unterhaus geben wird und ob die EU-Mitgliedstaaten damit letztlich leben werden können, wird sich erst zeigen.

Denn die Sache ist noch nicht überstanden: Konservative Hardliner ("Kamikaze-Brexiteeers", wie sie Philip Stevens in der "Financial Times" nannte) könnten immer noch versuchen, Theresa May, die Premierministerin aus den eigenen Reihen, zu stürzen und einen "No-deal"-Brexit herbeizuführen. Mays Kritiker meinen, mit dem Brexit-Deal würde Großbritannien zu einem "Vasallenstaat" degradiert. Ein ungeordnetes Ausscheiden aus der EU hätte aber freilich gravierende Konsequenzen: Niemand weiß, wie es in diesem Fall um die Landerechte britischer Fluglinien in Europa bestellt wäre, noch ist klar, welchen Bewegungsspielraum britische Banken auf den Finanzmärkten der EU hätten und ob der Hafen von Dover für die plötzlich notwendigen Zollformalitäten bei Importen aus der Europäischen Union gewappnet wäre.

Die britischen Konservativen haben sich in der Brexit-Causa als absolute Dilettanten erwiesen: Am Anfang stand das waghalsige Manöver von Ex-Premier David Cameron, der die europakritischen Rebellen in den eigenen Reihen mit dem Brexit-Referendum ein für allemal mundtot machen wollte, damit aber politischen Suizid verübte. Seine Nachfolgerin May war von Anfang an mit dem politischen Störfeuer der Brexiteers konfrontiert, die das Scheitern ihrer eigenen Premierministerin herbeisehnten. Die Brexiteers rund um den Polit-Clown Boris Johnson delirieren von einer Renaissance des Empire und gefallen sich in der trotzigen "Wir gegen den Kontinent"-Pose. Sie glaubten, die Europäer auseinanderdividieren zu können, und bauten darauf, dass Deutschland aus Angst um den wichtigen Autoabsatzmarkt schon irgendwann einknicken werde. Doch all das war Illusion und ist Zeugnis einer atemberaubenden Arroganz.

Denn nicht die EU wurde durch den Brexit gespalten, sondern das Vereinigte Königreich ist ungeeint wie schon lange nicht: Schottland will den Brexit ebenso wenig wie London oder alle anderen halbwegs erfolgreichen Regionen auf der Insel, zudem geht ein Riss durch die britische Gesellschaft. Wie immer die Sache letztlich ausgeht: Der Brexit ist und bleibt ein Drama Shakespeare’schen Ausmaßes.