Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Warum hat es Wissen in unserer digitalen Zeit so schwer? Um diese Gretchenfrage kreiste am Dienstagabend die Diskussion einer hochkarätigen und von der "Wiener Zeitung" mitveranstalteten Diskussionsrunde von Philosophen und Wissenschaftern in Wien. Und tatsächlich vergeht fast kein Tag, an dem man sich als durchschnittlicher Medienkonsument nicht wundert, über was man sich alles wundert.

Da versinkt mit Großbritannien ein Säulenstaat der liberalen Weltordnung immer tiefer im selbstgestifteten Chaos, twittert sich Donald Trump seine eigene Welt zusammen, führt der Kreml offen verdeckte Kriege und behauptet trotzdem das Gegenteil, schicken die Saudis Killerkommandos und nennen den Mord nach anfänglichem Leugnen dann einfach einen bedauerlichen Unfall und und und . . .

Warum also haben es durch Beobachtung und Erfahrung gerechtfertigte Auffassungen heute so schwer? Eine der Ursachen liegt zweifellos im digitalen Paradoxon: Während die Digitalisierung die Grundlagen für eine historisch beispiellose Ansammlung, ja geradezu Explosion von Datenmengen geschaffen hat, hat sie in Verbindung mit einem grundsätzlich antiautoritären bis obrigkeitsskeptischen Zeitgeist dafür gesorgt, dass traditionelle Strukturen erodierten, die dafür sorgten, das vorhandene Wissen zu ordnen und zu hierarchisieren.

Mittlerweile setzt sich die - eigentlich nicht gerade überraschende - Erkenntnis durch, dass solche ordnenden und hierarchisierenden Strukturen von Wissen in jeder Gesellschaft notwendig sind, umso mehr in einer sogenannten Wissensgesellschaft. Es versteht sich von selbst, dass es eine Restauration des "Ancien Régime" nicht geben kann. Nicht, weil die besondere bürgerliche Gesellschaft der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so umfassend versagt hätte (das hat sie in weiten Teilen nicht), sondern weil sich die soziale, politische und ökonomische Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts einer Wiedererrichtung dieser bürgerlichen Ordnung entzieht.

Es entbehrt von daher nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet jene beiden Generationen, die das Privileg hatten, sich in historisch einmalig stabilen und sicheren Zeiten an ihren Autoritäten zu reiben, nun ihren Kindern und Enkeln die Mammutaufgabe hinterklassen, auf den Ruinen eine neue Ordnung zu bauen. Und zwar eine Ordnung, die dem Wissen im Sinne von Auffassungen, die durch Beobachtung und Erfahrung gerechtfertigt sind, wieder einen bevorzugten Platz vor allen anderen Info-Bits einräumt. Die Kunst wird sein, sich dabei nicht auf Zwang oder bestehende Machtverhältnisse zu stützen, sondern auf die Kraft von rationalen Argumenten und begründetem Vertrauen.