Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung". - © WZ
Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung". - © WZ

Zwischen diesen beiden Aussagen zweier US-Präsidenten liegen 29 Jahre - 12. Juni 1987: "Mister Gorbatchev - Tear down this wall. - Herr Gorbatschow - Reißen Sie diese Mauer nieder", appellierte der damalige republikanische US-Präsident Ronald Reagan am 12. Juni 1987 vor dem Brandenburger Tor in Berlin an den sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow. 25. Mai 2016: "Build that wall! Build that wall!" Diesen Slogan skandierte der damalige republikanische US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump bei einer Wahlveranstaltung in Anaheim, Kalifornien. Die Mauer ist Trumps wichtigstes Wahlversprechen, doch entlang der rund 3000 Kilometer langen Grenze zwischen den USA und Mexiko existiert bisher nur ein rund 560 Kilometer langer, unzusammenhängender Zaun. Um seine Chancen auf eine Wiederwahl im Jahr 2020 nicht zu gefährden, riskiert Trump nun seit 22. Dezember den Stillstand staatlicher Leistungen.

Die Mauer ist für Trump jene Chiffre, mit der er die politischen Angstneurosen seiner Kernwählerschichten perfekt nährt: Das "Draußen" bedroht für diese Wählerinnen und Wähler die vermeintlich heile Innenwelt. Je unsicherer und unübersichtlicher die Zeiten sind, je unschärfer das Bild der Realität, umso größer ist das Bedürfnis nach Obhut, Klarheit, nach einem scharfkantigen Begriff von hüben und drüben. Die Mauer ist für Trump-Fans die Lösung: Diese Menschen wollen, dass "das" - das diffus Bedrohliche, das von außen kommt - aufhört, sie wollen es aussperren. Ein möglichst dickes, möglichst hohes Trennelement - wenn möglich aus Stahlbeton - zwischen sich und einer Welt, die sie immer mehr mit Chaos assoziieren, mus her. Das Versprechen Trumps lautet: Wenn diese Mauer von San Diego bis zur Mündung des Rio Grande in den Golf von Mexiko reicht, dann ist endlich Ruhe.

Das ist Unsinn - aber das kümmert Trump nicht. Sein Geschäft ist nicht die faktenbasierte Lösung von politischen Herausforderungen, sondern die Bedienung einer Politik der Gefühle.

Und Trump ist in der Mauerbau-Frage Trendsurfer: Auch die EU hat seit dem Fall der Berliner Mauer rund 1000 Kilometer neue Grenzzäune und Mauern errichtet, 1990 gab es zwei Grenzbefestigungsanlagen in der EU, 2017 waren es 15. Zehn der derzeit noch 28 Mitgliedsländer - von Spanien bis Lettland - haben seither Zäune und Mauern gebaut.

Die Welt befindet sich in einer dramatischen Phase der Deglobalisierung und Fragmentation, Mauern sind eines der Symptome dieser Ära.

Der Journalist Tim Marshall schreibt in der Schlusspassage seines kürzlich erschienen Buches: "The Age of Walls" über seine Hoffnung, dass auf eine Ära des Mauerbaus eine Epoche des Brückenbaus folgt.