Hans Kronspieß ist Chef vom Dienst bei der "Wiener Zeitung". - © Wiener Zeitung
Hans Kronspieß ist Chef vom Dienst bei der "Wiener Zeitung". - © Wiener Zeitung

Das Böse in der Causa "Missbrauch in der katholischen Kirche" ist monströs. Entsprechend riesig sind die Erwartungen an die im Vatikan von Donnerstag bis Sonntag tagende Kinderschutzkonferenz. Können diese Ansprüche von den versammelten Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen erfüllt werden? Hobby- und Berufsatheisten wissen schon heute, dass die Kirche versagen wird. Was aber, wenn man sich kritisch-wohlwollend der Frage nähert? Was kann man realistischerweise erwarten?

Ganz grundsätzlich wohl einmal, dass die Kirche das Evangelium ernst nimmt. Dort heißt es: "Die Wahrheit wird euch frei machen" (Johannes, 8, 32). Die versammelten Eminenzen und Exzellenzen werden nicht darum herumkommen, einen ehrlichen Blick auf die hässliche - sehr hässliche - Wahrheit zu werfen. So wie jeder Sünder zunächst einmal seine Sünde einsehen und benennen muss, damit Buße und darauf aufbauend Besserung möglich wird, so muss sich auch die Kirche ihre ganze Schuld eingestehen.

Zum Beispiel dies: Sehr lang schon sorgen sich Hirten fast pathologisch um "die Reinheit" unter den Bettdecken ihrer Schäfchen, vergessen dabei aber auf "die Keuschheit" ihrer geistlichen Mitbrüder. Dahinter steht eine wunderliche Sicht des Klerus, die vorgibt, mit der Weihe zum Diakon, Priester oder Bischof werde der Geweihte gleichsam ein engelsgleiches, asexuelles Wesen ohne Unterleib. Dabei haben - Überraschung! - Geistliche genauso einen Sexus wie Weltliche - sie sollten ihn im Zölibat nur anders leben. Dass dies manchmal gar nicht gelingt, dass aus dem "Herrn Pfarrer" manchmal ein Täter wird, ist nunmehr bewiesen.

Des Weiteren wird die Kirche bei einem ungeschminkten Blick auf sich selbst einsehen müssen, dass sie allein Missbrauchsverbrechen nicht Herr wird. Womöglich kann da sogar die in manchen katholischen Kreisen als Gottseibeiuns angesehene Psychotherapie helfen.

Und schließlich wird die Kirche noch eine tragische Wahrheit feststellen müssen: Der Missbrauchsskandal hat die katholische Morallehre so ziemlich jeglicher Glaubwürdigkeit beraubt. Das ist schade. Denn bei aller zeit- und zeitungeistigen Kritik enthält diese doch Werte, die zumindest ernstgenommen zu werden verdienten. Das wird künftig schwierig sein.

Von der Kinderschutzkonferenz wird man also erwarten dürfen, all diese furchtbaren Wahrheiten anzuschauen und die kirchliche Täterschaft in vollem Ausmaß einzugestehen. Daraus werden sich weitere Fragen, etwa nach den kirchlichen Hierarchien und Machtstrukturen, ergeben. Das alles wird für sehr viele sehr schmerzhaft werden. Aber Angst ist unangebracht. Schließlich heißt es im Evangelium auch: "Wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden" (Römer, 5, 20). Das bleibt zu hoffen.