Almen, die gänzlich für Wanderer gesperrt sind, um Zwischenfälle mit Kühen zu vermeiden. Kühe, die auch im Sommer in ihren Ställen bleiben müssen, weil sie wandernde Menschen gefährden könnten. Oder öffentliche alpine Wege, die durchgehend von Elektrozäunen gesäumt sind. Die Szenarien, die das jüngste Urteil um eine tödliche Kuh-Attacke gerade heraufbeschwört, sind so drastisch wie absurd. Vieh und Mensch, so lautet der gemeinsame Tenor, sollen in möglichst großer räumlicher Distanz zu einander gehalten werden. Welche der Lösungen in der Debatte überhand gewinnt, wird viel darüber aussagen, von welchem der Wirtschaftszweige - Tourismus oder Landwirtschaft - sich die Bewohner einer Region mehr Gewinn erwarten. Entsprechend sollen Vieh oder Mensch sich zurückziehen. So einfach wird diese Debatte (hoffentlich) nicht ausgehen. Denn die skizzierten Konsequenzen sind das Resultat einer Gesellschaft, die möglichst mit Vollkasko durchs Leben gehen möchte - mit überschaubarer Eigenverantwortung. Mit gesundem Hausverstand - Tier und Mensch haben eine Jahrhunderte andauernde Koexistenz - hat das wenig zu tun.

Es ist die hohe Schadenersatzsumme von 180.000 Euro zuzüglich 1500 Euro monatlicher Rente für die Hinterbliebenen, die heimische Bauern über derart drastische Konsequenzen nachdenken lässt, um im Fall der Fälle nicht die eigene wirtschaftliche Existenz aufs Spiel zu setzen.

Sicher: Es ist tragisch, dass jene 45-jährige Frau, die 2014 mit ihrem Hund über eine Alm wanderte, zu Tode getrampelt wurde. Nichts und niemand kann das ungeschehen machen, weitere Attacken sollten möglichst verhindert werden. Soweit sind alle Beteiligten einig. Die indirekt aus dem Urteil abzuleitenden präventiven Maßnahmen beinhalten jedoch lediglich Wegsperren, Absperren oder Einzäunen. Absolute Sicherheit bringt all das nicht. Natur - und dazu zählt auch eine Kuh - ist und bleibt unberechenbar und nicht lückenlos kontrollierbar. Garantierte Risikofreiheit gibt es nicht - schon gar nicht in den Bergen. Was es gibt: Menschen (wieder) im Umgang mit Natur zu schulen; darin, wie sie sich Tieren gegenüber verhalten; wie sie sich mit Hunden in Gegenwart von Vieh verhalten; ob sie offene Weiden mit ihrem Hund besser meiden sollten. Alles Möglichkeiten, Mensch und Natur wieder näher zueinanderzubringen - statt noch weiter zu entfremden.

Wenn wir weiterhin in einer Gesellschaft leben möchte, in der es möglich ist, auch ohne Stacheldrahtkorsett oder in Watte gepackt durchs Leben zu gehen, müssen wir nach Mitteln suchen, um die Eigenverantwortung jedes und jeder Einzelnen zu stärken - und nicht den Bewegungs- und Erfahrungshorizont aller immer weiter einzuschränken.