Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Welche Kraft treibt uns Menschen im Innersten an? Lust, Macht, Überleben, Profit oder am Ende gar Liebe?

Irgendwie ist es beruhigend, dass sich das Rätsel Mensch auch mit den Methoden der modernen Natur- und Sozialwissenschaften nicht restlos entschlüsseln lässt. Zwar gibt sich der naivere Flügel der Wissenschaft immer wieder überzeugt, er hätte nun aber wirklich den Hebel gefunden, der uns Durchschnittsmenschen zu triebgesteuerten Konsumenten und mündige Bürger in Stimmvieh verwandelt. Etwa dank manipulativer Werbung und selektiver Informationskanäle. Bislang haben sich solche Meldungen noch jedes Mal als voreilig herausgestellt.

Die neueste heiße Spur wollen ausgerechnet die Philosophen entdeckt - besser: wiederentdeckt - haben, mithin also die Vertreter jener Wissenschaftsdisziplin, die in sorgenfreieren Zeiten immer wieder gerne für überflüssig erklärt wird. Von einer Neuentdeckung lässt sich deshalb nicht sprechen, weil die Erkenntnis über das Wesen des Menschen, die nun gefeiert wird, in früheren Zeiten schon Allgemeingut war.

Zu den Ersten, die diesbezüglich in der Vergangenheit nach Antworten auf die Gegenwart fündig wurden, zählt der Philosoph Peter Sloterdijk. Die politischen Verhältnisse der Gegenwart ließen sich nicht verstehen, so formulierte es Sloterdijk in "Zorn und Zeit" im Jahr 2006, ohne das, was er die "thymotische Welterfahrung" nennt. Thymos umschreibt dabei im Altgriechischen jene Energie, die dem Menschen Lebenskraft verleiht, und der Zorn über erlittenes Unrecht ist eine ihrer mächtigsten Antriebskräfte. Homer hat die Kraft dieses Gefühls in Weltliteratur verpackt. Es schien in den Jahrzehnten nach 1945 endgültig gebändigt und reguliert, nur um nun in neuer Gestalt neue Wirkungskraft zu entfalten.

Der US-Politologe Francis Fukuyama greift den Gedanken des verletzten Stolzes in seinem aktuellen Buch "Identität" auf. Anders als Sloterdijk hat er keine Weltgeschichte des Zorns, sondern eine kluge Analyse darüber geschrieben, wie das Gefühl verletzter Würde die liberalen Demokratien ins Straucheln gebracht hat.

Mit den Gefühlen verletzter Würde machen Rechte wie Linke längst Politik; Wahlen gewinnt mit dieser Strategie in der Gegenwart jedoch vorwiegend, wenngleich nicht ausschließlich, Erstere. Das wird sich erst dann wieder ändern, wenn entweder ein neues Mega- und Metathema die Probleme der Migration aus den Schlagzeilen und den Köpfen der Menschen verdrängt. Dann kann auch die ewige Frage nach der Identität der Menschen schnell eine neue Richtung einschlagen.

Die Suche nach einem Schlüssel für das Rätsel des Menschen wird deshalb nie an ein Ende kommen.