Judith Belfkih, stellvertretende Chefredakteurin der "Wiener Zeitung".
Judith Belfkih, stellvertretende Chefredakteurin der "Wiener Zeitung".

Vor dem Gesetz sind Frauen und Männer in Österreich gleichgestellt. Das garantiert die Verfassung. Dazu gibt es Bundesgesetze über die Gleichbehandlung im Arbeitsleben, die Gleichbehandlungskommission, die Gleichbehandlungsanwaltschaft, den Europäischen Pakt für die Gleichstellung der Geschlechter, die UN-Frauenrechtskonvention. Alles bestens, möchte man meinen. Frauen haben das Recht auf ihrer Seite. Doch dieses Recht steht im Gegensatz zur Realität. Gesetze hinter sich zu haben, hilft wenig, steht die gelebte gesellschaftliche Norm dagegen.

Männer und Frauen sind nicht gleich, sollen es auch nicht sein - dieses Missverständnis des Feminismus der 1970er Jahre dürfte sich mittlerweile aufgelöst haben. Frauen und Männer können und werden nie gleich sein. Doch die Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse - jene, in denen sich alle Menschen gleichen -, muss in einer fortschrittlichen Demokratie gleichwertig realisierbar sein. Da geht es um persönliche Sicherheit, eine stabile finanzielle Basis, ein liebevolles Zuhause, Altern in Würde. In all diesen Bereichen sind Frauen systematisch benachteiligt. Sie verdienen weniger und haben noch weniger Pension, weil sie Teilzeit arbeiten; sie sind vermehrt Opfer von (häuslicher) Gewalt und leisten unentgeltlich einen Großteil sozialer Arbeit. Sofern sie Kinder haben, sind sie von maßgeblichen - politischen - Bereichen de facto ausgeschlossen. Dass das Recht hinter ihnen steht, hilft Frauen in der Praxis wenig. Sein Schutz verpufft wirkungslos im grauen Alltag.

Dass es den 8. März als Frauentag immer noch geben muss, ist der schambehaftete Beleg dafür, dass die Gleichstellung von Mann und Frau weit davon entfernt ist, in der Lebensrealität angekommen zu sein - zumindest jenseits privilegierter, gut ausgebildeter und finanziell bessergestellter Kreise. Diese Frauen in Spitzenpositionen als Beleg für gelebte Gleichberechtigung anzuführen, ist Hohn für all jene, die in Gewaltbeziehungen gefangen sind, in finanziellen Abhängigkeiten stecken oder ins Burnout der Vielfachbelastungen zu schlittern drohen.

Die aktuellen Gesetze greifen nicht weit genug, was die Wirklichkeit vieler Frauen täglich belegt. Gehältergerechtigkeit, mit Familie kompatible Arbeitszeiten, breit aufgestellte Kinderbetreuung, fundierte Sexualaufklärung, Aufwertung sozialer Arbeit - das sind Maßnahmen, die jedem und jeder Einzelnen zugutekommen. Mehr noch: Sie liefern Antworten auf viele aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen - vom durch Digitalisierung veränderten Arbeitsmarkt über Pflege bis zu rückläufigen Geburtenzahlen. Von der Gleichstellung der Geschlechter profitiert die ganze Gesellschaft. Der Schlüssel dafür ist passgenau mit dem zur Angst, die diese Erkenntnis verstellt.