Siobhan Geets ist Redakteurin im Europa-Ressort der "Wiener Zeitung". - © Luiza Puiu
Siobhan Geets ist Redakteurin im Europa-Ressort der "Wiener Zeitung". - © Luiza Puiu

Monatelang hat die britische Premierministerin mit einer Mischung aus Drohungen und Beschwichtigungen versucht, das Unterhaus von ihrem Brexit-Deal zu überzeugen. Genutzt hat es nichts. Die Vision von der strahlenden Zukunft eines aus den Fesseln der EU befreiten Britanniens liegt in Scherben vor Theresa May. Das Vereinigte Königreich steckt in der schlimmsten politischen Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Mehr als zweieinhalb Jahre nach dem Brexit-
Referendum hat London immer noch keine Linie gefunden. May will einen No-Deal-Brexit zwar vermeiden, hat es aber versäumt, das Land über die Gefahren eines solchen ungeordneten EU-Austritts aufzuklären.

Bei allen gerechtfertigten Vorwürfen an die oppositionelle Labour-Partei: Der Brexit-Mist ist auf dem Haufen der Tories gewachsen. Gerade in den letzten Wochen hat sich gezeigt, wie allumfassend das politische Totalversagen um sich greift. So trug die glücklose Nordirlandministerin Karen Bradley zum Unfrieden in der britischen Provinz bei, als sie behauptete, dass britische Soldaten lediglich "auf würdige und angemessene Weise ihre Pflicht getan" hätten, als sie am Bloody Sunday 1972 14 wehrlose katholische Zivilisten erschossen.

Dass die politischen Parteien jegliche Disziplin verloren haben, ist bei den Debatten im Unterhaus zu beobachten. "Was machen Sie hier eigentlich?", rief Generalstaatsanwalt Geoffrey Cox den brüllenden Abgeordneten vor kurzem entgegen. "Sie sind ja keine Kinder auf dem Spielplatz!"

Und die Premierministerin? Sie hat ihre Autorität längst eingebüßt - und lässt sich von den Hardlinern unter den Tories hertreiben. Die "Brextremisten" rund um Steve Baker und Jacob Rees-Mogg wollen einen möglichst harten Bruch mit der EU - und machen vorauseilend schon einmal Brüssel für das erwartbare Chaos verantwortlich.

Der Kompromiss zur irischen Grenze ging dem britischen Parlament nicht weit genug, aber mehr wird es nicht geben. Interessanterweise sind es ausgerechnet die Brextremisten unter den Tories, die behaupten, Brüssel würde schon noch ein Angebot auf den Tisch legen. Ganz unrecht haben die Konservativen zwar nicht: Lösungen in letzter Minute gehören durchaus zum politischen Stil der EU. So wurden etwa in der Griechenland-Krise, bei Beitritts- und so gut wie jeder Finanzverhandlung die Uhren angehalten. Doch mit dem Brexit verhält es sich anders. Es ist nicht im Sinne der EU, ihn zur Erfolgsgeschichte zu machen. Brüssel geht es um Schadensbegrenzung für die verbliebenen Mitgliedstaaten. Die Interessen Irlands in letzter Minute einem Kompromiss mit London zu opfern, wäre ein folgenschwerer Fehler und ein fatales Signal für kleinere Mitgliedstaaten. Das politische Totalversagen soll nicht auf den Kontinent überschwappen.