Vor wenigen Tagen war es 30 Jahre her, dass Tim Berners-Lee im Teilchenforschungszentrum Cern erstmals eine Seite des "World Wide Web" baute - wohl unzweifelhaft eine der bedeutendsten Erfindungen der jüngeren Menschheitsgeschichte. Die Technologie brachte Menschen, Länder und Kontinente näher zusammen und veränderte das Leben aller.

Jedoch wie immer, wenn Menschen in einem vorerst rechtsfreien Raum zusammenstoßen, entstanden ganz schnell auch Schattenseiten. Ganze Industrien von Film über Fernsehen bis zur Musik mussten zur Kenntnis nehmen, dass diese Technologien dazu führten, dass Menschen ihre Produkte nicht mehr in Geschäften erwarben, sondern sie sich einfach im Netz besorgten. Das Resultat war das Entstehen einer verhängnisvollen "Gratis-Kultur": Was im Internet steht, ist sozusagen Allgemeingut und kann nach Belieben verwendet werden. Das war zwar, streng genommen, niemals wirklich legal, aber das störte im neuen, digitalen "Wilden Westen" niemanden so richtig: Wo kein Sheriff, da kein Colt.

Sicherlich, einigen Branchen ist es mittlerweile ansatzweise gelungen, den Gratis-Irrtum zumindest zu begrenzen und die User mit attraktiven Pauschal-Angeboten wieder einzufangen.

Der Beschluss des neuen EU-Urheberrechts, der für Dienstag im EU-Parlament geplant ist, ist ein Schritt, den großen amerikanischen Playern in diesem "Wilden Westen" zumindest ein paar neue Regeln zu geben - wenn man so will, ein spätes Erwachsenwerden des Netzes zum 30. Geburtstag.

Dass sich Multimilliarden-Dollar-Unternehmen nicht mehr einfach darauf ausreden können, dass es ja nicht sie, sondern "nur" ihre User sind, die geschützten Content illegal verbreitet haben, ist offensichtlich notwendig. Dass etwa von YouTube echte Kontrollmaßnahmen verlangt werden, um systematische Copyrightverstöße zu vermeiden, ist so nachvollziehbar wie angemessen, zumal kleinere Betreiber oder etwa Wikipedia ausgenommen sind.

Sicherlich, wer ist schon erfreut, wenn gewohnte Verhaltensweisen reglementiert werden. Aber was wäre die Alternative? Achselzuckend zuzusehen, dass manche Produkte wie Filme, Serien, Musikaufnahmen oder Presseartikel nicht mehr hergestellt werden, weil man sie schlicht nicht mehr finanzieren kann? Oder zu tolerieren, dass nicht die Macher profitieren, sondern jene, die illegal verbreiten?

Das Sterben qualitativ wertvoller Medien ist keine Horrorvision für die Zukunft, sondern Realität. Die Novelle des Urheberrechts ist ein Schritt, hier für Fairness zu sorgen. Dass deswegen das "Freie Internet" in Gefahr sei, ist absurd. Wenn frei bedeutet, dass Faustrecht und das Recht des Stärkeren regieren, wäre diese Freiheit gar keine.