Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Es ist ein uralter Glaube: Nicht zu benennen, was man nicht benennen will; nicht zu zeigen, was man nicht zeigen will; nämlich die Namen, die Gesichter von Menschen, die man ächten will. Um so deren Macht zu beschränken und zu brechen.

In den unendlichen Weiten des Netzes schwirrt die Forderung an Medien und Redaktionen umher, den Namen des rechtsextremen Attentäters von Christchurch, Brendan Tarrant, aus den Texten zu verbannen. Und eben dort wird auch debattiert, ob ein großformatiges Foto des Identitären-Chefs Martin Sellner die Titelseite eines Nachrichtenmagazins zieren soll.

Dabei geht es nicht um formelle Verbote, sondern um die Sorge, auf diese Weise die Anliegen von Tarrant und Sellner zu betreiben; und zwar selbst dann, wenn in den dazu gehörigen Texten nichts davon zu finden sein sollte. Allein der Name, das großflächige Foto sind nach dieser Lesart als Beitragstäterschaft zu sehen.

Das ist natürlich Unsinn.

Bei Tarrant ging die Initiative von Neuseelands Premier Jacinda Ardern aus, die in einer bewegenden Rede vor dem Parlament sagte: "Ich appelliere an Sie alle: Nennen Sie die Namen der Opfer. Nicht den Namen jenes Mannes, der ihnen das Leben geraubt hat. Er wollte zur Legende werden. Aber wir in Neuseeland werden ihm nichts geben. Nicht einmal seinen Namen."

Das war eine starke Rede an eine trauernde Nation, ein geschocktes Land. Und eben keine Richtschnur für die journalistische Berichterstattung über diesen oder vergleichbare Massenmorde. In Österreich gilt der Name von Franz Fuchs als Mahnmal, dass es rechtsextremistischen Terror auch hier gibt; in Norwegen steht dafür der Name von Anders Behring Breivik. Was wäre gewonnen, wenn niemand mehr mit diesen Namen etwas anzufangen wüsste?

Bilder sind heikler. Sie können tatsächlich für sich selbst stehen, eine eigene Botschaft, abgekoppelt von Text und Kontext, erzählen. Hinzu kommt, dass die Politik viel Energie und noch mehr Mittel aufwendet, Einfluss auf die Darstellung ihrer Spitzenrepräsentanten durch gesteuerte Bildflüsse zu nehmen. Barack Obama ist bis heute der ungeschlagene Meister dieses Fachs, aber alle Welt holt hier rasant auf.

Das ist ein Dilemma, dem sich der Journalismus stellen muss. Zumal in den Aufmachergeschichten in Print und Online, die ohne starke Bilder längst nicht mehr denkbar sind. Die Gefahr einer unzulässigen Ästhetisierung von Politik und Politikern ist hier real. Die Nichtabbildung von Politikern, deren Agenda man ablehnt, ist die falsche Lösung. Aber jede Redaktion muss sich die Frage stellen: Ist es Journalismus oder Propaganda? Die Grenze dazwischen verläuft nur selten scharf. Aber auch das ist nichts Neues.