Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Notre Dame wankte in der Nacht auf Dienstag. Aber die 850-jährige Kathedrale fiel nicht. Das ist mit Sicherheit die beste aller Nachrichten unter all den schlechten. Die Grundkonstruktion konnte dem Feuer standhalten. Es ist kaum vorstellbar, dass Architektur unserer Zeit im Jahr 2969 noch stehen wird.

Zur Geburtsstunde von Notre Dame war Europa im Krisenmodus. Als Papst Alexander III. unter Frankreichs König Ludwig VII. im Jahr 1163 den Grundstein legte, erschütterten Machtkämpfe die Christenheit. Kaiser Friedrich I. Barbarossa beanspruchte die Vormacht über die Kirche. Doch Papst Alexander zeigte sich unbeugsam. Gegen vier Gegenpäpste musste er seine Autorität verteidigen.

Im Moment höchster Not suchte Alexander Schutz in Frankreich. Natürlich war der Staufer-Kaiser "not amused" über diesen Akt des verbündeten Widerstands. Just in diesem Moment erfolgte die Grundsteinlegung mit dem Segen des geflüchteten Papstes. Der Bau im symbolischen Herzen Frankreichs war eine Kampfansage an diesen Machtanspruch.

Mit dieser Vergangenheit hat unsere Gegenwart nichts mehr - oder jedenfalls nichts Prägendes - gemein. Was aber sagen uns dann deren Überbleibsel im Zentrum unserer Städte, abgesehen davon, dass sie zum Pflichtprogramm auf den Trampelpfaden des globalen Massentourismus geworden sind?

Die ursprüngliche Energie, die hinter dem Bau von Sakralbauten dieser entfesselten Dimension liegen, ein ungebändigtes Christentum, ist erloschen. Und ob sich aus den Monumenten je eine Erzählung für das Europa des 21. Jahrhunderts destillieren lässt, darf bezweifelt werden. Die Rede eines EU-Mandatars, der an die Adresse der austrittswilligen Briten erklärte, die Antwort auf das Feuer könne nur Europa lauten, hatte eher etwas von unfreiwilliger Komik.

Je weniger wir wissen, wohin wir wollen, desto fragender wenden wir uns an die Vergangenheit nach Antworten für die Zukunft. In Europa, das voll von Vergangenheit ist, ist das aktuell besonders der Fall. Die antiken, mittelalterlichen und neuzeitlichen Prachtbauten sind voller Geschichten einer gemeinsamen Kultur. Nur geben sie keine Antworten auf die banalen Fragen des politischen Alltags.

Nur im Schock der Katastrophe fühlen sich plötzlich alle als Teil einer großen Gemeinschaft. Doch das ist vor allem der einförmigen Logik der digitalen Medien geschuldet, die für Momente alle in ihren Bann zu schlagen vermag. Die künstlichen Gefühlsgemeinschaften à la "Wir sind . . ." sind nicht von Dauer, können es nicht sein. Schon übermorgen lenkt uns ein neues Ereignis ab. Der Wiederaufbau dagegen erfordert Hartnäckigkeit und Konzentration, also das Gegenteil von spontanen Gefühlsregungen.