Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Weder der 400-jährige Prozess der Aufklärung noch die beschleunigte Säkularisierung im 20. Jahrhundert, ja nicht einmal, jedenfalls bisher, die Berichte über kirchlichen Missbrauch konnten bisher die Stimmen der christlichen Kirchen zu Themen der Gegenwart zum Verstummen bringen. Darin liegt an einem Karfreitag, jedenfalls aus Sicht der Institutionen, die Kraft eines kleinen, höchst weltlichen Osterwunders.

Dass die Kirchen und insbesondere ihre karitativen Vorfeldorganisationen - Gleiches gilt selbstredend auch für jede andere Religion - ihre besonderen Vorstellungen von einem guten Leben in eine weitgehend, wenngleich längst noch nicht zur Gänze verweltlichte Gesellschaft wie die europäische einbringen, ist durchaus wünschenswert. Jedenfalls solange außer Streit steht, dass von diesen Einmischungen keinerlei Anspruch mehr auf allgemeine Verbindlichkeit ausgeht.

In dieser Entmachtung läge eigentlich das Potenzial einer Ermächtigung der Kirchen zum mutigen Denken. Doch das geschieht in der kritischen Auseinandersetzung mit der säkularen Politik nur zum Teil. Mindestens so oft gönnen sich die Zwischenrufer den Luxus einer tadellosen Moral, deren politische Kosten sie nicht tragen müssen, etwa wenn es um die heftig umkämpften Streitfragen von Migration und Armutsbekämpfung geht. Denn tatsächlich stimmt, dass die Moralisierung gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen in letzter Konsequenz zu einer Entpolitisierung der Politik führt. Zumindest dann, wenn man Politik als konfliktorientierten Ausgleich entgegengesetzter Interessen versteht.

Die fortgesetzt kritische Einmischung kirchlicher Organisationen ist zwar wertvoll, weil sie eine Orientierung für all jene darstellt, die diesen moralischen Wertekanon teilen. Aber diese Kritik taugt nicht als politische Leitlinie in einer religiös bunten und vom Ordnungsprinzip her säkularen Gesellschaft, deren Machtverteilung auf Wahlen beruht.

Solange die Kirche nicht nur nach geistlicher, sondern auch nach politischer Macht strebte, musste sie auch nach politischen, also weltlichen Kriterien handeln. Mit all den damit einhergehenden Folgen für ihre moralische Glaubwürdigkeit. Vom Druck, politisch handeln zu müssen, ist sie in der Gegenwart befreit. Doch ihr - als Religion inhärenter - Anspruch auf eine allgemeingültige Moral ist unvereinbar mit ihrer Sehnsucht nach politischer Gestaltungsmacht.

Beides lässt sich nicht vereinen. Wenn die Kirchen, ja jede Religion, gesellschaftspolitisch relevant bleiben wollen, wird es ihnen nicht erspart bleiben, ganz weltliche Kompromisse einzugehen. Dies verlangt mitunter sogar mehr Mut als eine Moralpredigt.