Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung". - © WZ
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Es soll vorkommen, dass die Fiktion den Fakten vorauseilt: In der letzten Folge des US-Serienklassikers "The West Wing" über das Weiße Haus aus dem Jahr 2006 gewinnt ein gewisser Matthew Santos die Wahl. Santos ist ein dunkelhäutiger Latino - als Drehbuchvorlage für diesen Protagonisten diente ein junger, charismatischer Politiker im Senat von Illinois. Sein Name: Barack Obama, der im November 2008 die US-Präsidentenwahl gewinnen sollte.

Wolodymyr Selenskyj, der frischgebackene Präsident der Ukraine, spielt freilich in einer völlig anderen Kategorie des politischen Reality-TV. Selenskyj gab in der ukrainischen TV-Serie "Sluga naroda" ("Diener des Volkes") den Lehrer Wassyl Petrowych Holoborodko, der überraschend zum Präsidenten der Ukraine gewählt wird. Nun ist der Schauspieler und Komiker Selenskyj in die Fußstapfen seiner Fernsehfigur Holoborodko getreten. Selenskyj ist plötzlich Präsident.

In der Ukraine gibt es durchaus unterschiedliche Betrachtungen zu diesem Wahlsieg: Die einen freuen sich darüber, dass ein völliger Außenseiter das Rennen für sich entschieden hat, und hoffen darauf, dass er das politische System umkrempeln und - so wie der Serienheld Holoborodko, den er verkörpert - mit der Korruption im Land aufräumen wird. Für die Anhänger Selenskyjs ist mit dessen Wahlsieg ein weiterer Schritt der permanenten Maidan-Revolution getan.

Andere wiederum sehen darin den Beginn einer Ära der Postpolitik in der Ukraine, in der Entertainment und Politik verschmelzen und die Wählerinnen und Wähler nicht mehr zwischen Fakten und Fiktion, zwischen der Realität und unrealistischen Erwartungen unterscheiden können.

Aus einer solchen Perspektive sind durchaus Parallelen zum italienischen Komiker und Politiker Beppe Grillo - dem Star der Fünf-Sterne-Bewegung - zu erkennen, für den die Politik so etwas wie ein Abbild einer "Göttlichen Komödie" ist - vom Inferno über das Purgatorio zum Paradiso. Für Grillo ist alles - besonders die Politik - ein Witz. Oder vielleicht passt Selenskyjs Wahlsieg auch zum Aufstieg der Trash-Medienfigur Donald Trump zum US-Präsidenten, dem eine gute Show allemal wichtiger ist als gute Politik.

Doch die Wähler Selenskyjs waren keine Zyniker, sondern sie setzten auf das Prinzip Hoffnung: Die Ukraine hat in der Zeit seit der Unabhängigkeit im Jahr 1991 schlechte Erfahrungen mit ihren bisher fünf gewählten Präsidenten gemacht. Eine Stimme für Petro Poroschenko wäre eine Stärkung dieser Nomenklatura gewesen. Die Wählerinnen und Wähler wollten ein Experiment wagen. Selenskyj hat die Chance, es anders zu machen und sich als Anti-Populist zu beweisen.