Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

"Size matters" - Größe zählt. Nicht immer und überall, in der Wirtschaft aber eben manchmal doch. In den Führungsetagen Europas macht sich diesbezüglich ein Phantomschmerz breit, der vom weitgehenden Fehlen globaler marktdominanter Unternehmen herrührt. Und dies ausgerechnet in einem Moment, da auf beiden Seiten des Atlantiks die Vor- und Nachteile abgewogen werden, der Marktmacht der digitalen Datenkonzerne den Kampf anzusagen.

Die Sehnsucht nach Superkonzernen treibt traditionell Frankreich um. Solches Denken kennt auch Deutschland; in wichtigen Branchen - von Energie über Auto bis Finanz - spielen staatliche Interessen mit. Im Kern jedoch setzte Deutschland auf die Innovations- und Wertschöpfungskraft des privaten Mittelstands. Die ewige Pariser Lust am Dirigismus war Berlin suspekt.

Die Betonung liegt auf "war". Denn diese Grundhaltung deutscher Wirtschaftspolitik gilt offensichtlich nicht länger. Berlin drängt seit einiger Zeit mit Frankreich immer offensiver auf die Bildung von Marktführern. Das war so bei der von der EU-Kommission zu Fall gebrachten Fusion der Zugsparten von Alstom und Siemens, und auch dem Plan für einen Zusammenschluss von Deutscher Bank und Commerzbank, dessen Scheitern nun verkündet wurde, ging ein staatlicher Fingerzeig voraus.

Diese neue Sehnsucht nach globaler Größe ist ein Traum mit erheblichen Risiken. Ehrgeizige Politiker sehen vor allem die Chancen, die von globalen Marktführern ausgehen können. Das bietet die Chance auf Dominanz in daran anhängenden Bereichen. Und darin wiederum liegt politische Macht. Die Wirtschaftsgeschichte der vergangenen 100 Jahre ist reich an Beispielen. Aber auch an Fällen, wo Superkonzerne ganze Staaten in Schieflage brachten.

Getrieben werden diese Bemühungen von der Sorge, dass die EU im Wettbewerb mit den USA und China zum Anhängsel wird, interessant nur noch als Konsumenten, aber kein unternehmerischer Machtfaktor mehr. Tatsächlich ist jetzt die Zeit für Weichenstellungen, die Digitalisierung fungiert für traditionelle Platzhirsche als großer Gleichmacher; wie etwa autonomes Fahren und E-Mobilität die Autoindustrie umkrempeln werden und wie die großen europäischen Hersteller aus diesem Umbruch hervorgehen werden, ist völlig offen.

Viel steht auf dem Spiel. Das macht Politiker zu Recht nervös. Die Politik ist gefordert, mit ihren Möglichkeiten den bestmöglichen Rahmen für erfolgreiches Wirtschaften zu setzen - in der Infrastruktur, der Steuerpolitik und Bildung, Forschung und Entwicklung. Auch durch direkte oder indirekte Förderungen. Von der Politik konzipierte Superkonzerne sind eher kein Mittel zu diesem Zweck.