Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Der Chef der deutschen Jungsozialisten, Kevin Kühnert, hat es soeben mit seinem Vorschlag, Großkonzerne wie BMW zu vergesellschaften, in die angestrebten Schlagzeilen geschafft. Dem "goscherten" Hoffnungsträger einer schlingernden SPD gelang sogar der Jackpot: Neben den erwarteten Protesten der Konservativen und Liberalen rückte auch Finanzminister Olaf Scholz zur Verteidigung der freien Marktwirtschaft aus. Und Scholz macht sich unverblümte Hoffnungen auf die Kanzlerkandidatur bei der SPD.

Kühnert zielte mit seiner Provokation einer "Kollektivierung auf demokratischem Wege" auf Großkonzerne ab, bei denen eine Handvoll Eigentümer den Kurs bestimmt. Das entspricht den marktwirtschaftlichen Grundregeln, wonach der Eigentümer mit seinem Eigentum verfahren kann, wie es ihm - im Rahmen der Gesetze - gefällt.

Zu den Erfolgsgeschichten des modernen Kapitalismus zählt auch die breite Streuung von Eigentumsanteilen an großen Unternehmen über Anteilsscheine, die an Börsen gehandelt werden. Die Vorteile liegen auf der Hand: Das Unternehmen erhält Zugang zu frischem Kapital und belohnt treue Aktionäre im Erfolgsfall durch Dividenden und steigende Kurse.

Allerdings hat es der Kapitalismus geschafft, dieses Erfolgsmodell auf bizarre Weise weiterzuentwickeln. Die Symbiose zwischen Unternehmen und Aktionären ist zwingend ambivalent, jede Einseitigkeit kann zu Schieflagen führen, die den Gesamterfolg gefährden. Genau dies ist in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend geschehen: Manager, die ja nichts anderes sind, als hoch bezahlte Arbeitnehmer, haben begonnen, sich so zu verhalten, als wären sie die Eigentümer. Ohne jedoch das damit verbundene Risiko tragen zu müssen. Gegen diese Usurpation der leitenden Angestellten verlieren die Kühnertschen Träume von einer Vergesellschaftung viel von ihrer provokativen Substanz.

Doch es regt sich Widerstand: Erst vorige Woche verweigerten die Aktionäre des deutschen Chemiekonzerns Bayer dem Vorstand die Entlastung. Ausschlaggebend war der rasante Wertverfall nach der Übernahme des mit zahllosen Risiken verbundenen US-Konzerns Monsanto. Am Donnerstag haben nun die Aktionäre der Schweizer Großbank UBS nachgezogen und die Entlastung des Vorstands ebenfalls verweigert.

Die rechtlichen Konsequenzen halten sich noch im Rahmen. Zumal die trotz der massiven Kursverluste weiter üppigen Bonuszahlungen an das Management durchgewunken wurden. Aber womöglich sind dies nur die ersten Zeichen eines Umdenkens. Die letzten Tage der grenzenlosen Freiheit von Konzernvorständen scheinen angebrochen. Gut so.