Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Das Video macht einen fassungslos. Man sieht es und fühlt sich an einen drittklassigen Mafiaplot erinnert – im Ambiente, im Stil, in der Sprache, vor allem aber bei den Themen, um die es geht.

Da fantasieren zwei FPÖ-Politiker im Rausch der absehbaren Regierungsbeteiligung – wir sprechen vom Sommer vor der Nationalratswahl 2017 – von den neuen Möglichkeiten. Staatsaufträge gegen Parteispenden, die Übernahme der "Krone", den Umbau des ORF, den Verkauf heimischen Wassers, den Ausschluss ungeliebter Unternehmen von öffentlichen Aufträgen und so weiter und so fort.

Wer da über Stunden in alkoholreicher Atmosphäre spricht, ist nicht irgendwer: Heute, knapp zwei Jahre nach Aufnahme des heimlich gefilmten Videos, ist der eine, FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, Vizekanzler der Republik, und unter anderem zuständig für die Beamten, also jenen Stand, der wie kein anderer für Unbestechlichkeit und Verlässlichkeit steht; der andere, Johann Gudenus, ist Co-Klubobmann im Nationalrat und Chef der FPÖ-Wien.

Die Situation war offensichtlich eine gezielt gestellte Falle. Wobei die Szenerie so hanebüchen klischeehaft anmutet – samt der vorgeblich schwerreichen russischen Oligarchen-Nichte –, dass es fast die schmerzlichste Erkenntnis darstellt, dass zwei, die sich selbst für höchste Ämter berufen fühlen, nicht das geringste Gespür für die Lage aufbringen. Man wähnt sich über allen Normen. Keine Spur eines Gedankens, der über das Ich hinausgeht.

Strache und Gudenus beteuern, dass das nur Worte gewesen seien: alles nur Gerede, unseretwegen Aufschneiderei, aber keine Taten. Ob das stimmt, wird sich erst zeigen. Es gilt ein begründeter Misstrauensvorbehalt. Das Video bietet ein Sittengemälde der FPÖ-Führung. Die Partei steht auf dem Video mit heruntergelassenen Hose da.

Wer die Falle gestellt, warum das Video erst jetzt, eine Woche vor der EU-Wahl und nicht bereits zur Nationalratswahl an die Öffentlichkeit gerät? Das alles sind spannende Fragen, aber längst nicht die drängendste.

Alle Augen sind jetzt auf der ÖVP und den Bundeskanzler gerichtet. Geht Sebastian Kurz nur auf Distanz zu seinem Koalitionspartner, gibt er sich mit einer reumütigen Unterwerfungsgeste der zuletzt immer offensiver auftretenden FPÖ zufrieden? Begnügt er sich mit personellen Konsequenzen von Strache und Gudenus? Aber was wäre diese FPÖ ohne Strache? Oder zieht der Kanzler einen resoluten Schlussstrich unter die gesamte Koalition – aus eminentem politischen Eigeninteresse und aus grundsätzlich demokratiepolitischer Hygiene?

Der Kanzler steht vor einer Entscheidung, die seine höchstpersönliche politische Zukunft prägen wird. So oder so.