Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Der Bundespräsident klang am Dienstag wie ein Mann aus einer längst versunkenen Welt. Sein Appell für einen "tragfähigen Dialog zwischen den einzelnen Politikern", seine Mahnung, dass "Social-Media-Kampagnen allein auf Dauer nicht tragen", ist nicht aus dieser Zeit.

Allerdings hat Alexander Van der Bellen leicht reden. Sein Amt bietet die Möglichkeit, sich über den Wettbewerb der Parteien zu erheben. Er muss weder Wähler noch Funktionäre und Aktivisten motivieren, und schon gar nicht muss er ein politisches Profil erst erarbeiten und dann unablässig pflegen.

Die postmoderne Massendemokratie hat sich mit ihren atemlosen Kommunikationszyklen eine Lebenswelt erschaffen, die jedem tieferen Gedanken, der von der vielfachen Verwobenheit der Welt weiß, per se skeptisch, ja sogar feindselig gegenübersteht. Und das nicht, weil der Inhalt dieses Gedankens schlecht wäre, sondern weil allein schon seine Form nicht systemkompatibel ist. Ein Gedanke, der unter die Oberfläche von bloßen Botschaften dringt, ist verwirrend, birgt die Gefahr von Widersprüchen und das Eingeständnis von Abhängigkeiten. Kurz gesagt: Er ist das Gegenteil jener Form von Politik, die für die Massenkommunikation mit den Wählern taugt.

Bis zu einem gewissen Grad gehorcht diese Logik auch den Anforderungen. Die Aktivisten und Politisierten aller Lager sind nur eine kleine Minderheit, die allermeisten Menschen füllt ein wirkliches Leben im Übermaß aus. Parteipolitik im engeren Sinne ist für sie höchstens ein Nebenthema, oft sogar nur ein notwendiges Übel und nicht selten ein Ärgernis. Für mehr als kurze knackige Botschaften haben viele weder Zeit noch Lust.

Das wiederum macht aus eingängigen prägnanten Botschaften in Kombination mit authentischen Persönlichkeiten eine hohe Kunst. Umso mehr, wenn es dabei gelingt, dass ein tieferes Verständnis von Herausforderungen und Lösungskonzepten ein programmatisches Fundament bildet.

All das treibt einen Politikzirkus an, in dem der vom Bundespräsidenten eingeforderte "tragfähige Dialog zwischen den Parteien" keinen Fixplatz hat, ja nicht einmal eine systemische Notwendigkeit geblieben ist. Ist er von Substanz, entzieht sich ein solches Gespräch der Inszenierung und bleibt unsichtbar. Alles Unsichtbare jedoch ist ein Luxus geworden, weil es in dieser Welt der unmittelbaren Verwertung für die Beteiligten keinen Gegenwert darstellt. Und so kann es geschehen, dass die durchgehende Mediatisierung von Politik ausgerechnet deren hochpolitische Grundvoraussetzung kannibalisiert: den direkten Austausch von Ideen und Gedanken ohne direkte Handlungsabsicht.