Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung". - © WZ
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Am Dienstag werden tausende Menschen im Victoria Park in Hongkong im Schein ihrer Kerzen des 30. Jahrestags des Tiananmen-Massakers in Peking gedenken. Und in Taiwans Hauptstadt Taipeh steht zur Erinnerung an diesen Jahrestag ein aufblasbarer Panzer aus Kunststoff, davor ein Plastikmann im weißen T-Shirt, der sich ihm trotzig in den Weg stellt. Das Kunstwerk soll an jenes Bild erinnern, das zur Ikone jenes historischen Ereignisses wurde, das in der Volksrepublik China ganz neutral und verharmlosend als "Liùsì Shìjiàn" ("4. Juni-Vorfall") bekannt ist. Die chinesischen Zensoren machen rund um diesen Tag Überstunden, die Erinnerung an Tiananmen soll aus dem kollektiven Gedächtnis von 1,4 Milliarden Chinesen getilgt werden. Denn der 4. Juni 1989 ist einer der wichtigsten Wendepunkte in der jüngeren chinesischen Geschichte.

Daher eignet sich dieser Tag wie kaum ein anderes Datum als Ausgangspunkt für ein Gedankenexperiment der sogenannten kontrafaktischen Geschichtsforschung. Das eher exotische Forschungsfeld der Alternativgeschichte beschäftigt sich im Kern mit der Frage: Was wäre wenn?

Es war nämlich so: Als die Studenten damals am Platz des himmlischen Friedens für mehr Freiheit und Demokratie und gegen Mißmanagement und Korruption protestierten, hatte der damalige Generalsekretär der chinesischen KP, Zhao Ziyang durchaus Verständnis für einige der Forderungen der Studenten und suchte den Dialog mit ihnen.

Zhao glaubte damals an so etwas wie "Glasnost-Autoritarismus". Diesen Begriff hat der US-Sinologe Andrew J. Nathan geprägt, dessen Meinung nach Zhao eine KP-Einparteienherrschaft wollte, in der genügend demokratische Offenheit existierte, die Kritik erlaubt hätte; gleichzeitig wäre aber der Spielraum der Opposition so weit eingeschränkt geblieben, dass das Machtmonopol der Partei nie in Gefahr gewesen wäre.

Was wäre also gewesen, wenn Zhao sich im Mai und Juni 1989 gegen Hardliner wie Li Peng, die für eine Niederschlagung der Proteste plädierten, durchgesetzt hätte? Wäre China heute so wie Wladimir Putins Russland? Ein Land, in dem die politische Führung zwar das Sagen hat, es aber zumindest beschränkten Meinungspluralismus und begrenzte Möglichkeiten für Dissens, Kritik und Protest gibt?

Man weiß es nicht. Was feststeht: Die Hardliner um Li Peng überredeten den damaligen starken Mann im Hintergrund, Deng Xiaoping, mit harter Hand gegen die Studenten vorzugehen. Zhao wurde abgesetzt und unter Hausarrest gestellt. Die Panzer der Volksbefreiungsarmee walzten die Proteste nieder. Der Traum eines offeneren, freieren Chinas war geplatzt. Und der Rest ist Geschichte.