Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung". - © WZ
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Ein Land, zwei Systeme - "Yi guo liang zhi". Dieses politische Prinzip formulierte der damalige starke Mann Chinas, Deng Xiaoping, in den frühen 1980ern für die zukünftige Wiedervereinigung der chinesischen Territorien Hongkong, Macao und Taiwan mit dem chinesischen Festland.

Um Mitternacht des 30. Juni 1997 wurde zwar am Hongkong Convention and Exhibition Centre in Wan Chai die chinesische Flagge gehisst, bis 2047 sollte Hongkong aber seine Eigenständigkeit behalten.

Doch seit 1997 hat sich China dramatisch verändert. Die politische Führung der Volksrepublik strotzt vor Selbstbewusstsein, und seit Beginn der Ära von Xi Jinping schrumpft der Raum für gesellschaftlichen Diskurs und politischen Dissens dramatisch.

Und so sehr die Nomenklatura im Regierungsbezirk Zhongnanhai in Peking auch die Hongkonger Stadtregierung auf Linie bringt - die Bevölkerung geht in regelmäßigen Abständen auf die Straße: 2003 gab es Massendemonstrationen gegen Artikel 23 der Verfassung, in dem Subversion gegen die Zentralregierung in Peking unter Strafe gestellt werden sollte, 2014 marschierten die Hongkonger für ein faires Wahlrecht ohne Bevormundung durch Peking. Die Proteste dauerten von Mitte September bis Mitte Dezember 2014, wochenlang war das Zentrum von Hongkong lahmgelegt, die Demonstranten schlugen ihre Zelte mitten auf der Stadtautobahn im Herzen der Stadt auf.

Am vergangenen Sonntag gingen eine Million Menschen gegen ein neues Auslieferungsgesetz auf die Straße (Einwohnerzahl Hongkongs: 7,3 Millionen Menschen) - eine unglaubliche Zahl. Selbst den Angaben der stets vorsichtig schätzenden Hongkonger Polizei zufolge waren es immerhin 240.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Laut dem umstrittenen Gesetzentwurf soll Hongkong eines Verbrechens beschuldigte Menschen an die Behörden von China, Taiwan oder Macao ausliefern - obwohl Hongkong mit allen dreien kein Auslieferungsabkommen hat. Und da in Hongkong niemand der chinesischen Justiz traut, laufen die Menschen gegen diesen Gesetzesentwurf Sturm. 2015 ließ Peking missliebige Buchhändler, die auf dem Festland verbotene Bücher verkauften, einfach in Hongkong entführen - die Menschen waren schockiert. Die chinatreue Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam hat die Protestbereitschaft in der Stadt unterschätzt: Dabei gab es am 4. Juni, bei der Kerzenandacht zum Gedenken an die Opfer der Niederschlagung der Tiananmen-Demonstrationen von 1989, eine Rekordbeteiligung von 180.000 Menschen. Die Hongkonger Bürgerschaft klammert sich also 22 Jahre, nachdem Peking formal die Macht in Hongkong übernommen hat, weiter entschlossen an die Formel von Deng Xiaoping: ein Land, zwei Systeme.