Hans Kronspieß ist Chef vom Dienst bei der "Wiener Zeitung". - © Wiener Zeitung
Hans Kronspieß ist Chef vom Dienst bei der "Wiener Zeitung". - © Wiener Zeitung

Mindestens "historisch" werden Medien das nun im Vatikan präsentierte Arbeitspapier zur Amazonien-Synode im Oktober nennen - und sie haben recht damit. Denn in dem Schriftstück heißt es, für entlegene Amazonas-Gebiete solle die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, "indigene, ältere und verheiratete Männer zu Priestern zu weihen".

Damit ist die Diskussion über die zig Jahrhunderte alte Verpflichtung katholischer Priester zur Ehelosigkeit eröffnet. Denn auch wenn die Lockerung des Zölibats zunächst nur für Amazonien gelten soll, wird die Debatte doch in einer Kettenreaktion auch auf andere Weltgegenden überspringen. Die Probleme sind schließlich ähnlich. In Europa - siehe die Erzdiözese Wien - versucht man das Problem des Priestermangels mit Neustrukturierungen, also mit der Schaffung großer Seelsorgeräume, zu beheben. Am Ende betreuen dann immer weniger Priester immer größere Gebiete. Das ist gewiss nicht der Weisheit letzter Schluss.

Sind also mit der Infragestellung des "heißen Eisens" Zölibat alle kirchlichen Probleme gelöst? Sicher nicht. Als Zeuge für diese Behauptung sei der Wiener Theologe Paul Michael Zulehner genannt. Er warnt gegenüber Kathpress und in seinem neuesten Buch davor, den dritten Schritt vor dem ersten zu tun. Vor einer raschen Weihe von bewährten verheirateten Männern zu Priestern ("Viri Probati") müsse das kirchliche "Hauptaugenmerk auf nach außen hin ausstrahlende Pfarrgemeinden, in denen Mystik und Politik ineinandergreifen", gelegt werden.

Das ist sicher richtig. Aber ebenso richtig ist die Argumentation Erwin Kräutlers, des früheren Bischofs von Xingu-Altamira in Amazonien, der an der Ausarbeitung des Arbeitsdokuments für die Amazonas-Synode beteiligt war: Wenn die Eucharistie - wie vom Zweiten Vatikanischen Konzil festgehalten - das Zentrum und der Höhepunkt des christlichen Glaubens ist, dann muss die Konsequenz sein, das Problem von Eucharistiefeiern, die wegen Priestermangels nicht stattfinden können, zu lösen.

Unverkennbar an dem nun publizierten Schreiben ist die Handschrift von Papst Franziskus: Zum wiederholten Mal rückt er ein Problem vom Rande der Welt ins Zentrum der Kirche und fordert Lösungen. Das wird nicht allen katholischen Exzellenzen und Eminenzen schmecken. Konservative Hardliner werden zum Widerstand gegen die Vorgangsweise des Papstes aufrufen, weil sie zumindest das christliche Abendland, wenn nicht gar die ganze katholische Welt, in Gefahr sehen. Und sie werden alarmistisch fragen: Was kommt als Nächstes? Als Nächstes kommt vielleicht noch mehr Bewegung in die Kirche. Denn wir sehen: Sie bewegt sich doch.