Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

"Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen."

Diese großen Worte sprach Johann Wolfgang von Goethe am 20. September 1792, nachdem er miterlebt hatte, wie die unterlegene französische Revolutionsarmee bei Valmy den Vormarsch der Preußen gestoppt hatte. Aufgeschrieben hat er sie erst 30 Jahre später.

Faktisch war die "Kanonade von Valmy" unbedeutend, ein unentschiedenes Gefecht, das erst später - und dies unter Berufung auf Goethe - zum Wendepunkt hochgejazzt wurde. Die Nachwelt hat also unter Zuhilfenahme der Autorität eines Weltendeuters die Legende von einer Zäsur konstruiert. Es gab damals offensichtlich ein Bedürfnis nach einer solchen Deutung.

Warum die Geschichte von der "Kanonade von Valmy"?

Wir leben in einer Zeit, die von immer mehr Zeitgenossen als Bruch mit dem Vorangegangenen empfunden wird. Darunter sind natürlich auch zahllose Dichterfürsten und Geistesgrößen, doch die haben in den vergangenen Jahrzehnten zu oft laue Brisen der Geschichte zu großen Stürmen aufgeblasen, sodass sie viel von ihrem einstigen Wert als verlässliche Sensoren eingebüßt haben. Dafür springen andere in die Lücken, erheben als Einzelne ihre Stimme oder organisieren sich zu Gruppen, die ihr Bedürfnis (oder ihre Angst) nach einem radikalen Neuanfang proklamieren.

Aber erleben wir jetzt tatsächlich eine Zäsur, die den Verlauf der Geschichte in neue Bahnen lenkt?

Grundsätzlich ist bei solchen Gefühlen Skepsis angebracht. Besonders in den vergangenen
30 Jahren wurde die Erzählung vom historischen Wendepunkt exzessiv eingesetzt: Mauerfall, EU-Beitritt, der "dritte Weg" mit Rot-Grün in Berlin, Schwarz-Blau in Wien, 9/11, Dotcom-Blase, EU-Osterweiterung, Finanz- und Schuldenkrise samt Euro-Stresstest, schließlich die Migrationskrise und nun die Klimakrise, die auch noch von einer Demokratiekrise verstärkt wird. Und all diese Einzelperspektiven sind unterlegt durch die Megatrends von Globalisierung und Digitalisierung.

An der Einschätzung von 1989 als Zäsur hat sich bis heute nichts geändert; bei den meisten anderen "Brüchen" steht der endgültige Beweis für ein historisches Kapitel noch aus. Das gilt auch für Globalisierung und Digitalisierung, die vor allem die Dynamik der Marktwirtschaft beweisen, die seit 200 Jahren die Geschichte prägt.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass kommende Historiker unsere Selbsteinordnung als Generation, die Außergewöhnliches erlebte, revidieren werden. Als neues Valmy. Andererseits: Die größere Geschichte der Revolution von 1789 war natürlich eine Zäsur. Wenn wir aber ständig Valmys erleben, was ist dann unser 1789?