Gerhard Lechner ist Außenpolitik-Redakteur der "Wiener Zeitung".
Gerhard Lechner ist Außenpolitik-Redakteur der "Wiener Zeitung".

Exakt zwei Monate sind seit der Amtseinführung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vergangen, und der neue Mann in Kiew scheint bisher ziemlich viel richtig zu machen: Die Besuche des ehemaligen Schauspielers in Brüssel, Paris und Berlin verliefen friktionsfrei. Dem Kabarettisten war bei seinen internationalen Auftritten seine mangelnde Politik-Erfahrung nicht anzumerken - im Gegenteil: Er punktete mit seinem Charme und mit seiner Routine im Umgang mit der Kamera. In Kiew gelang es ihm, einen frühen Neuwahltermin des Parlaments durchzusetzen. In Umfragen zu den Wahlen, die am Sonntag stattfinden, liegt seine aus dem Nichts geschaffene Partei mit rund 44 Prozent uneinholbar voran. Selbst in das verfahrene russisch-ukrainische Verhältnis brachte Selenskyj Bewegung: Ende Juni setzte er - nicht ohne heftigen Widerstand - einen Truppenabzug an der Demarkationslinie in der Ostukraine durch, was auch von den Separatisten honoriert wurde. Mittlerweile gilt ein unbefristeter Waffenstillstand. Und auch der Kreml bewegt sich - zumindest verbal: Russlands Präsident Wladimir Putin erklärte am Donnerstag, er wolle die "volle Wiederherstellung" der Beziehungen zur Ukraine.

Alles paletti also? Nicht ganz. Denn die Erwartungen an den vermeintlichen Wunderwuzzi Selenskyj sind allzu hoch. So erwarten sich viele Ukrainer eine Senkung der Gastarife, die Bestrafung korrupter Beamter, eine Verringerung des Einflusses der Oligarchen und vor allem Frieden im Donbass. Und das möglichst rasch. Selenskyj selbst hat sich dabei die Latte mit seiner TV-Serie, die sein präsidiales Alter Ego Wassyl Holoborodko als großen Wundertäter zeigt, extrem hoch gelegt. Die Absturzgefahr ist dabei groß: Denn es ist kaum anzunehmen, dass sich die Probleme der Ukraine - zu denen im Moment übrigens auch ein immens hohes Wachstum bei Konsumkrediten zählt - so lösen lassen wie in der TV-Serie. Selenskyj verhält sich seit seiner Angelobung nämlich tatsächlich exakt wie Holoborodko. Der Präsident reist in die Provinzen, rüffelt oder feuert Gouverneure und unfähige Beamte, tritt fürs einfache Volk ein - streng, aber gerecht; eine modernisierte, YouTube-taugliche Version eines typischen postsowjetischen Präsidenten. Auch über seine Liste kommuniziert Selenskyj seine einfache, eingängige, populistische Botschaft: Alles Banditen, diese Politiker. Sie gehören weg. Ob aber Selenskyjs heterogene Quereinsteiger-Truppe, die aus potenziellen Reformern der Maidan-Bewegung, Polit-Amateuren und Leuten, die für Oligarchen gearbeitet haben, besteht, langfristig so viel besser agieren wird? Zwischen Gipfelsieg und Absturz liegt in der Ukraine ein schmaler Grat.